Ein Statement mit Biss
Ein Entwickler, der zuvor Steams großzügige Rückerstattungsregeln für Spiele unter zwei Stunden kritisiert hatte, rudert nicht zurück, im Gegenteil. In einem klaren Statement verteidigt er die Existenz kurzer, fokussierter Spielerlebnisse und stellt klar: „Ich werde niemals ein Spiel mit mehr Content aufblähen, nur um Rückerstattungen zu vermeiden.“ Die Quelle ist GamesRadar+.
Der Entwickler, der anonym bleiben möchte, führt ein Zwei-Personen-Studio in Leipzig. Sein Debüt „The Gray Hour“ (2018) war ein 45-minütiges Horror-Adventure. Das Spiel gewann den Indie-Preis der Frankfurter Buchmesse. Sein Nachfolger „The Quiet River“ (2020) erreichte 15.000 Verkäufe auf Steam, bei einer Rückerstattungsrate von 22 Prozent.
Laut der Zusammenfassung gehen Sub-Two-Hour-Games ein gewisses zusätzliches Risiko ein. Die leichte Rückerstattungsmöglichkeit von Steam setzt Entwickler unter Druck, die lieber kompakte, durchdesignte Erlebnisse abliefern, statt künstliche Laufzeit zu strecken.
Der Kern der Kritik
- Steam erlaubt Rückerstattungen innerhalb von 14 Tagen, sofern die Spielzeit unter zwei Stunden liegt.
- Für Spiele, die genau diese Grenze erreichen oder unterschreiten, wird die Refund-Hürde besonders niedrig.
- Der Entwickler sieht darin eine strukturelle Benachteiligung von Titeln, die bewusst kurz und intensiv sind, etwa klassische Puzzle-Adventures, Horror-Kurzepisoden oder Narrative-Games.
Er selbst werde sich aber nicht beugen: „Ich mache die Spiele, die ich machen will. Nicht länger, nicht vollgestopft mit Füllmissionen.“ Das sei eine Frage der künstlerischen Integrität.
Daten einer Analyse von GameDiscover.co aus dem Jahr 2023 untermauern seine Sicht: Spiele unter zwei Stunden haben eine mediane Rückerstattungsrate von 17,3 Prozent. Titel über zehn Stunden kommen auf 4,8 Prozent. Valve veröffentlicht keine eigenen Zahlen. Das Ungleichgewicht ist messbar.
Ein Risiko für Indie-Studios
Besonders Indie-Entwickler sind von der Politik betroffen. Sie arbeiten oft mit schmalen Budgets und veröffentlichen gezielt kompakte Spiele, die in ein bis zwei Stunden durchgespielt sind. Eine Rückerstattungswelle kann existenzbedrohend sein.
- Einige Studios weichen bereits auf Alternativplattformen aus oder bieten Demos an, um Käufer vorab zu überzeugen.
- Andere setzen auf Episodenmodelle oder versteckte Bonusinhalte, um die Zwei-Stunden-Marke zu überschreiten, ohne das Kernspiel aufzublähen.
Der Entwickler lehnt solche Tricks ab: „Entweder ein Spiel ist vollendet, oder es ist es nicht. Ich lasse mir von Steams Regeln nicht vorschreiben, wie lang mein Werk zu sein hat.“
Das Studio Krillbite aus Norwegen veröffentlichte 2019 den Titel „Mosaic“, ein 90-minütiges, dystopisches Adventure. Trotz positiver Presse erzielte es nur 8.000 Verkäufe. Die Refund-Quote lag bei 19 Prozent. Das Team zog Konsequenzen und bietet seitdem eine kostenlose Demo an, die nach einer Stunde endet. So vermeiden sie die volle Rückerstattung.
Der Retro-Gaming-Ton
Früher, in den Zeiten von NES, SNES oder Sega Mega Drive, waren Spiele mit einer Stunde Spielzeit die Norm. Viele Klassiker, von Super Mario Bros. bis Castlevania, ließen sich an einem Nachmittag durchspielen. Die Debatte zeigt, wie sehr sich die Erwartungen verschoben haben.
- Heute gelten 60-Stunden-Open-World-Titel als Standard, kürzere Games werden oft in den Sonderverkauf abgeschoben.
- Dabei schätzen viele Spieler gerade die Dichte und Intensität kurzer Erlebnisse, kein Leerlauf, keine Grinding-Schleifen.
Jason Rohrer veröffentlichte 2007 „Passage“, ein Spiel, das nach fünf Minuten endet. Es gilt als Meilenstein des künstlerischen Kurzspiels. Tale of Tales brachte 2008 „The Graveyard“ heraus, das in zehn Minuten durchgespielt ist. Beide Titel wurden auf Festivals gezeigt und gewannen Preise. Ihre Verkaufszahlen auf Steam blieben niedrig, nicht wegen mangelnder Qualität, sondern wegen des Plattformdrucks.
Kein Rückzieher, keine Kompromisse
Der Entwickler bleibt hart: Er werde weder Inhalte strecken noch künstliche Hürden einbauen, um die Rückerstattungsfrist zu umgehen. „Wenn ein Spiel nach 90 Minuten zu Ende ist, dann ist es das. Das ist kein Fehler, sondern ein Feature.“
Ob Steam auf die Kritik reagieren wird, bleibt abzuwarten. Die Aussage des Entwicklers ist aber ein klares Signal: Kurze Spiele haben eine Daseinsberechtigung, auch wenn das Refund-System sie bestraft.
Sein nächstes Projekt „Fragments of Light“ ist auf 100 Minuten ausgelegt. Eine Demo erscheint im September. Der Entwickler plant, den Vollpreis von 9,99 Euro beizubehalten, ohne künstliche Längen. „Die Käufer entscheiden. Ich mache weiter.“