Ein Maskottchen mit System
Der Vault Boy gehört zu den bekanntesten Figuren der Gaming-Geschichte. Sein Ursprung ist allerdings weit pragmatischer, als die Strahlkraft seiner blonden Tolle vermuten lässt. Laut überlieferten Angaben entstand das Maskottchen im direkten Zusammenhang mit der Entwicklung des S.P.E.C.I.A.L.-Systems, also jener sieben Werte, die bis heute jede Fallout-Figur definieren. Der Grund dafür lag in einem gescheiterten Lizenzplan.
Warum GURPS nicht funktionierte
- Fallout sollte ursprünglich auf dem GURPS-Regelwerk von Steve Jackson basieren.
- Die Verantwortlichen verwarfen diese Idee wegen der zu hohen Gewalt- und Gore-Inhalte des Spiels.
- Statt einer externen Lizenz musste ein eigenes Regelgerüst her, das interne S.P.E.C.I.A.L.-System entstand.
- Eine Quelle nennt den Vault Boy ausdrücklich als Teil dieser Entwicklung, er wurde also nicht nachträglich als Maskottchen erfunden.
Die Geburtsstunde von S.P.E.C.I.A.L.
Sieben Buchstaben, sieben Werte: Strength, Perception, Endurance, Charisma, Intelligence, Agility, Luck. Dieses Akronym war kein Zufall, sondern die Antwort auf ein praktisches Problem. Ohne GURPS brauchte das Team ein eigenes, klar lesbares und für Spieler sofort verständliches Attributsystem. Der Vault Boy wurde zur visuellen Übersetzung dieser Werte, er zeigte in den Menüs und im Handbuch, was die Zahlen bedeuteten. Aus einem Lizenzstreit entstand so das ikonische Gesicht der Marke.
Interplay und die Rollenspiel-Schmiede
Interplay Entertainment entwickelte den ersten Fallout-Teil, in einer Quelle wird zusätzlich Black Isle Studios beziehungsweise das Rollenspiel-Team von Interplay im Entwicklungszusammenhang genannt. Interplay war Ende der 90er eine feste Größe im PC-Rollenspielgeschäft und hatte sich mit Wasteland und anderen Titeln bereits einen Namen gemacht. Der hauseigene Publisher-Zweig, teils als Interplay Productions geführt, brachte das Spiel auf den Markt. Für die Mac-Fassung erscheint in einer Quelle zusätzlich MacPlay als zuständige Firma.
Je nach Quelle wird der 30. September 1997 oder der 10. Oktober 1997 als Veröffentlichungsdatum des ersten Fallout genannt. Das Spiel erschien für MS-DOS beziehungsweise DOS, Microsoft Windows sowie Mac OS beziehungsweise Macintosh. Ein Preis in Euro ist für den damaligen Release nicht überliefert. Damit ordnet sich Fallout in eine Phase ein, in der PC-Rollenspiele noch stark über Diskette und CD-ROM und über klassische Betriebssysteme verteilt wurden.
Einordnung in die Reihe
Fallout ist der erste Teil der Reihe und ein postapokalyptisches Computer-Rollenspiel, kurz CRPG. Ein direkter Vorgänger innerhalb der Serie existiert nicht, die Geschichte beginnt mit diesem Titel. Alles, was danach kam, von späteren Interplay-Fortsetzungen bis zu den modernen Ablegern, baut auf dem Fundament auf, das 1997 gelegt wurde. Der Schritt weg von GURPS war also nicht nur eine Lizenzfrage, sondern der Startpunkt einer eigenen Spielidentität.
Branchenkontext: Lizenz oder Eigenbau
Der Fall zeigt, wie stark Lizenzentscheidungen die kreative DNA eines Spiels prägen können. In den 90er-Jahren griffen viele Studios auf bestehende Pen-and-Paper-Regelwerke zurück, weil sie erprobte Mechanismen und eingespielte Fangemeinden mitbrachten. Als GURPS für Fallout zu blutig wurde, musste Interplay kurzfristig umplanen. Das Ergebnis war kein Kompromiss, sondern ein System, das bis heute in jedem Ableger steckt. Ohne diese Absage gäbe es weder S.P.E.C.I.A.L. in der heutigen Form noch den Vault Boy als Maskottchen.
Vault Boy als Markenzeichen
Der Vault Boy ist heute aus der Reihe nicht mehr wegzudenken. Er grüßt auf Covern, in Menüs und in unzähligen Merchandise-Artikeln. Dass er aus einem internen Regelwerk-Dilemma hervorging, macht seine Geschichte ungewöhnlich greifbar. Ein Maskottchen, geboren aus der Not, ein System erklären zu müssen. Genau diese Herkunft erklärt, warum der Vault Boy bis heute mehr ist als Dekoration.