Eine Ausstellung als Spurensuche
Im Brooklyn Museum in New York läuft seit dem 3. Oktober 2026 die Ausstellung Art of Manga, kuratiert von Nicole Coolidge Rousmaniere. Wer durch die Säle geht, stößt auf Bilder, die vielen Spielern merkwürdig vertraut vorkommen: überwucherte Städte, posierende Kämpfer in grellen Mustern, verschworene Heldengruppen. Die Ausstellung läuft bis zum 31. Januar 2027 und versammelt Arbeiten von zehn Mangaka, gleichmäßig aufgeteilt zwischen männlichen und weiblichen Autoren aus unterschiedlichen Regionen Japans.
Wer im Zentrum der Schau steht
- Rumiko Takahashi, bekannt für Ranma ½ und Inuyasha
- Eiichiro Oda, Schöpfer von One Piece
- Hirohiko Araki, dessen Illustrationen zu JoJo’s Bizarre Adventure als Glanzstücke der Schau gelten
- Jiro Taniguchi, von dem ein großformatiges Panel aus Ice Age: Chronicle of the Earth hängt
- Zehn Künstler insgesamt, deren Themen von innerstädtischem Leben bis zu queerer Lebensrealität reichen
Rousmaniere begründet die Breite des Line-ups damit, dass eine kleinere Auswahl die Wirkung verwässert hätte. Erst die Spannweite zeige, was der Strich dieser Zeichner leiste.
Die überwucherte Stadt als gemeinsames Motiv
Taniguchis Panel zeigt eine Metropole, die von Ranken und Bäumen zurückerobert wird. Dieses Bild taucht in der Spielewelt immer wieder auf: Die verfallene Stadt in Nier: Automata gehört ebenso dazu wie die zerfallenen Kleinstädte und Großstädte in The Last of Us. Der Gedanke, dass die Natur sich nimmt, was Menschen ihr hinterlassen haben, ist kein Zufall der Popkultur, sondern ein Motiv mit klarer Herkunft. Rousmaniere sagt, Manga habe immer schon mit anderen Medien im Austausch gestanden, von Anime bis Gaming.
JoJo und Persona: eine Linie ohne offizielle Bestätigung
In der Ausstellung hängt eine kleinere Arbeit Arakis, in der die Figuren aus JoJo’s Bizarre Adventure dicht gedrängt in einem Bus stehen. Die grellen Farben und exotischen Muster treffen auf das triste Grau des Innenraums, und wer Rollenspiele spielt, denkt sofort an Persona. Beide Werke teilen die Vorliebe für Übernatürliches und Mythologie, beide Casts beschwören mächtige Wesen im Kampf: hier Stands, dort Persona. Eine offizielle Bestätigung, dass Atlus sich direkt an Araki orientiert hat, gibt es allerdings nicht. Die Ähnlichkeit bleibt eine naheliegende stilistische Verwandtschaft, keine belegte Einflusslinie. Araki selbst wird in der Schau als Grenzgänger beschrieben, der sich an lebensgroße Malerei, Lithografie, Mode und Musik heranwagt. Sein zwölfteiliges Werk There Is Always a Traitor füllt einen ganzen Raum, mit lebensgroßen Figuren, die den Besucher überragen.
Toriyama als Architekt der RPG-Optik
Der 2024 verstorbene Akira Toriyama ist der deutlichste Beleg für die Verbindung von Manga und Spielen. Er entwarf das visuelle Erscheinungsbild von Dragon Quest und arbeitete an Chrono Trigger mit, zwei frühen Erfolgen für die damals noch getrennten Firmen Square und Enix. Die Figuren seiner Dragon Ball-Welt prägen bis heute, wie japanische Rollenspiele aussehen. Auch das Erzähltemperament dieser Ära, die Zuwendung zu Kleinstadtleben und Häuslichkeit, lässt sich auf die warme Fantasy-Welt zurückführen, die Toriyama mitgezeichnet hat.
Berserk als dunkle Vorlage
- Berserk von Kentaro Miura gilt als zentrale Referenz für Dark Fantasy im Spielebereich
- Die düstere Saga prägte über Jahre eine ganze Klasse von Figuren in der Final Fantasy-Reihe
- Bei FromSoftware zählt sie zum festen Ideenfundus, von Dark Souls bis Elden Ring
- Miuras Einfluss reicht damit weit über die eigene Zielgruppe hinaus, bis in die Spielmechanik hinein
One Piece, Yakuza und die Kraft der Gruppe
One Piece ist über die Anime-Adaption zu einer der bekanntesten Marken überhaupt geworden, mit Themenabenden bei Baseballspielen und Merchandise an jeder Straßenecke. In der Ausstellung hängt eine Illustration, in der Nami und Usopp Videospiele spielen, mit deutlich erkennbaren Anspielungen. Masayoshi Yokoyama, Kopf von Ryu Ga Gotoku Studio, sagte in einem Interview mit Crunchyroll, die Party von Yakuza: Like a Dragon sei nach den Strohhutpiraten geformt worden. Ichiban sei im Grunde Luffy, und die Zusammensetzung der Gruppe habe ihn beim Schreiben stark beschäftigt.
Gashapon als Bindeglied im Foyer
Vor dem Eingang zum Museumsshop, der inzwischen selbst manga-inspirierte Waren führt, steht eine Batterie Gashapon-Automaten, die Besucher bespielen dürfen. Von Digimon bis My Hero Academia reicht die Auswahl der Kapselspielzeuge. Rousmaniere beschreibt, dass sie es genießt, Menschen beim Ziehen zu beobachten, ähnlich wie man Streamern beim Ziehen eines seltenen Charakters in einem Gacha-Spiel zusieht. Dass ausgerechnet die Automaten, deren Mechanik unzählige Mobile-Games geprägt hat, zwischen Manga und Gaming stehen, ist ein passender Zufall. Wer die Schau verlässt, hat mindestens ein Panel gesehen, das er schon einmal in einem Spiel gesehen hat.