Der PS2-Katalog als Fundgrube
Sonys PlayStation 2 brachte es auf mehrere tausend Titel, und ein großer Teil davon lief nie in großen Stückzahlen über deutsche Ladentheken. Zwischen Jahressport und Filmumsetzungen versteckten sich Spiele, die handwerklich überzeugen, aber nie die Aufmerksamkeit bekamen, die ihnen zugestanden hätte. Fünf davon stehen hier im Mittelpunkt. Die Auswahl ist subjektiv, der gemeinsame Nenner ist eine Qualität, die an der Veröffentlichungspolitik ihrer Zeit gescheitert ist.
God Hand: Prügelspiel mit Haltung
- Entwickelt von Clover Studio, dem Capcom-Ableger um Atsushi Inaba und Regisseur Shinji Mikami.
- Mikami hatte zuvor an Resident Evil gearbeitet, hier baute er ein Prügelspiel um Ausweichen, Kontern und ein selbst zusammengestelltes Moveset.
- Der Humor ist slapstickhaft, die Schwierigkeit berüchtigt, der Ruf als Kulttitel kam erst Jahre nach dem Release.
- Clover Studio wurde noch 2006 geschlossen, ein Teil des Teams formierte sich später als PlatinumGames neu.
Wer God Hand zum ersten Mal startet, wird von der Kamera und dem Tempo erschlagen. Wer durchhält, findet eines der präzisesten Kampfsysteme der Konsole. Der Westrelease fiel in eine Phase, in der Capcom seine kleineren Marken kaum noch bewarb.
Killer7: Stilbruch als Programm
Killer7 kommt von Grasshopper Manufacture und trägt die Handschrift von Goichi Suda, besser bekannt als Suda51. Der Spieler steuert eine Gruppe von Auftragsmördern mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die sich auf festen Pfaden durch Schauplätze bewegt und dabei Rätsel und Schießereien kombiniert. Die Optik verzichtet auf realistische Texturen und setzt auf harte Kontraste und Cel-Shading. Erschienen ist der Titel 2005 bei Capcom, also mitten in der Hochphase der Konsole. Eine spätere PC-Umsetzung brachte das Spiel Jahrzehnte danach noch einmal einem neuen Publikum näher.
Shadow of Rome: Zwei Spiele in einem
Shadow of Rome von Capcom aus dem Jahr 2005 zerfällt bewusst in zwei Hälften. Einerseits schleicht sich der junge Octavianus durch Palastgänge und Lagerhäuser, andererseits kämpft der Legionär Agrippa in Arenen um sein Leben. Beide Teile bedienen sich unterschiedlicher Regeln, was den Wechsel spannend hält, aber auch polarisiert. Die Gladiatorenkämpfe erlauben gezielte Treffer auf einzelne Körperteile, was damals eine Seltenheit war. Regie führte Motohide Eshiro, der später an mehreren Ace Attorney-Ablegern mitarbeitete.
Steambot Chronicles: Das gemütliche Gegenteil
- Erschienen bei Irem, in Japan unter dem Namen Bumpy Trot bekannt.
- Der Spieler steuert einen zweibeinigen Mech, kann aber fast alles andere ebenfalls tun: handeln, Musik machen, Beziehungen aufbauen.
- Die Handlung verzweigt sich früh, Entscheidungen prägen den weiteren Verlauf spürbar.
- Wer will, bleibt einfach stehen und schaut sich die Landschaft an, statt Missionen zu erledigen.
Das Spiel wirkt wie ein Gegenentwurf zu den hektischen Actiontiteln seiner Zeit. Statt einer festen Kampagne gibt es eine offene Struktur, in der ein Straßenmusiker genauso viel wert ist wie ein Kämpfer. Genau diese Freiheit machte den Titel damals schwer verkäuflich, weil er sich in keine Schublade pressen ließ.
Gitaroo Man: Rhythmus abseits des Mainstreams
Gitaroo Man stammt vom Studio iNiS und erschien in Japan bereits 2001, in Europa folgte die Veröffentlichung über Koei. Statt Knöpfe im Takt zu drücken, wechselt das Spiel zwischen Verteidigungs- und Angriffsphasen, die sich unterschiedlich spielen. Die Handlung um den schüchternen U-1 und seinen Hund Puma ist bewusst albern, die Musik reicht von Rock bis zu elektronischen Stücken. iNiS betreute später die Ouendan-Reihe und Elite Beat Agents für den Nintendo DS. Eine PSP-Fassung mit dem Untertitel Lives! folgte 2006.
Warum diese Titel untergingen
- Die Veröffentlichungen lagen oft am Rand des Konsolenzyklus, wenn Marketingbudgets bereits auf die nächste Generation verschoben wurden.
- Kleine Auflagen und fehlende Nachpressungen sorgten dafür, dass viele Exemplare nie in Fläche kamen.
- Genres wie Rhythmusspiele, Mech-Simulationen und Prügelspiele galten im Handel als schwer vermittelbar.
- Die Altersfreigaben und der teils sperrige Ton schreckten Händler zusätzlich ab.
Die Mechanismen wiederholen sich bis heute. Nischenpublisher setzen auf digitale Auslieferung, um das Problem der Ladenhüter zu umgehen. Auf Disc gab es diese Möglichkeit in den 2000er Jahren noch nicht, weshalb ein Ladenhüter gleichbedeutend mit einer abgebrochenen Serie war.
Was davon geblieben ist
Einige der genannten Titel tauchten später als digitale Wiederveröffentlichung auf, andere blieben an ihre Originalhardware gebunden. God Hand und Killer7 haben in den vergangenen Jahren spürbar an Bekanntheit gewonnen, ohne je Massenmarktware zu werden. Für Steambot Chronicles und Shadow of Rome gilt das Gegenteil: Beide sind im Gespräch geblieben, aber eine Neuauflage gibt es bis heute nicht. Wer eine PAL-Disc dieser Spiele sucht, findet sie im Gebrauchthandel deutlich seltener als einen durchschnittlichen Sporttitel derselben Generation.