Steam-Profile als Zeitkapsel
Steam startete am 12. September 2003 als reiner Client für Valve-Spiele, die Community mit Profilseiten kam 2007 dazu. Damit gehören Steam-Profile zu den ältesten noch aktiv genutzten Spielerprofilen im PC-Bereich. Wer sein eigenes Profil aus dem Jahr 2009 aufruft, findet dort dieselben Bausteine wie damals: Avatar, Infokasten, Kommentarwand, Gruppenliste. Nichts davon wurde abgeschafft, nur ergänzt. Das macht die Seite zu einem der wenigen Orte im Netz, an dem ein digitales Ich aus den Nullerjahren unverändert weiterläuft.
Was auf einer Profilseite stand
- Ein quadratischer Avatar, häufig ein verwaschenes GIF mit Blinkeffekt oder ein selbst zugeschnittenes Bandlogo
- Ein frei beschriftbarer Infokasten, in dem Nutzer Zitate, Rechnerkonfigurationen und ASCII-Kunst abgelegt haben
- Eine Kommentarwand, auf der Freunde Geburtstagsgrüße, Insider und Verabredungen für den Abend hinterließen
- Eine Gruppenliste mit Clans, Modding-Foren und Sammelbecken für Katzenbilder
- Eine Auswahl von Lieblingsspielen, die bei vielen seit Jahren nicht mehr angefasst wurde
Das Design der Nullerjahre
Die optische Sprache dieser Seiten war Comic Sans, Leuchtschrift und ein bisschen zu viel Kontrast. Nutzer bastelten aus Sonderzeichen, Tabellen und Farbverläufen kleine Homepages im Miniaturformat. Das Ergebnis wirkte improvisiert, war aber immer persönlich, weil kein Redaktionssystem und kein Algorithmus daran mitgearbeitet hatte. Genau dieser unperfekte Look ist das, was Rückkehrer heute beschreiben, wenn sie von der Ästhetik der 2000er schwärmen. Es ist kein Stil, den man bestellen kann, sondern einer, der aus Werkzeugnot entstanden ist.
Steam hat nie aufgeräumt
- 2013 kamen Steam-Level und Abzeichen hinzu, die Profilseiten erhielten damit neue Bausteine
- Seit 2020 ergänzt der Punkte-Shop Hintergrundbilder, Rahmen und animierte Mini-Profile
- Nutzer können zwischen mehreren Showcases wählen und so einzelne Bereiche betonen
- Der Grundaufbau mit Avatar, Freitext und Kommentarwand von 2007 blieb dabei vollständig erhalten
- Valve hat die alten Felder also nie gelöscht, sondern nur weitere darübergelegt
Warum das heute noch funktioniert
Die Profilseite gehört dem Nutzer und nicht einem zeitlich sortierten Feed, der alles nach drei Tagen verschluckt. Beiträge veralten sichtbar, statt zu verschwinden, was der Seite etwas Archivarisches gibt. Freitext ist erlaubt, und das ist auf heutigen Plattformen selten geworden. Die Seite ist über eine direkte Adresse erreichbar und bleibt auffindbar, auch wenn der Besitzer seit Jahren nicht mehr eingeloggt war. Vergleichbare Spielerprofile anderer Anbieter wurden dagegen mehrfach umgebaut oder auf eine Liste von Erfolgen eingekürzt.
Konsolen-Gamercards der 2000er waren ähnlich persönlich: Gamertag, Avatar, kurze Biografie, Erfolgsliste. Mit der Zeit verschwanden die Freitextfelder aus vielen dieser Systeme, übrig blieben Zahlen. Steam hat diesen Weg nicht mitgemacht und stattdessen Bausteine wie Kommentare und Gruppen sichtbar weitergereicht. Für Spieler bedeutet das, dass eine Freundesliste bei Steam bis heute mehr über Personen verrät als reine Wertungszahlen. Es ist ein Nebeneffekt davon, dass Valve sein Community-System seit 2007 eher erweitert als ersetzt hat.
Was Sammler und Rückkehrer daran schätzen
- Nachvollziehbarkeit: Wer 2011 beigetreten ist, sieht das im Profil anhand von Abzeichen und Kontoalter
- Eigenwilligkeit: Kein anderes großes Spielerprofil erlaubt so viel sichtbaren Freitext
- Spuren: Kommentare von Personen, die seit Jahren offline sind, bleiben lesbar
- Gestaltungsfreiheit: Rahmen, Hintergründe und Mini-Profile lassen sich erspielen statt nur kaufen
- Kontinuität: Ein Link von damals führt heute noch an dieselbe Stelle
Ein Blick auf ein konkretes Profil
Wer ein Profil von 2008 öffnet, findet dort häufig einen Avatar mit sichtbarer Kompression, ein Zitat aus einem Songtext und eine Kommentarwand, deren letzter Eintrag Jahre zurückliegt. In der Gruppenliste stehen oft fünf bis fünfzehn Einträge, viele davon zu Spielen, die längst keine Server mehr haben. Das Kontoalter lässt sich anhand der Abzeichen ablesen, die zu bestimmten Aktionen vergeben wurden. Genau diese Mischung aus Vergänglichkeit und Beständigkeit macht die Seiten interessant, weil sie nichts kaschieren. Ein Steam-Profil von 2009 sieht aus wie ein Steam-Profil von 2009, und das ist in einem Netz voller ständig neu gestalteter Oberflächen die eigentliche Besonderheit.