Sechs Jahre Abgeschiedenheit für ein Herzensprojekt
Yoshio Nishimura, ehemaliger Künstler des japanischen Studios Vanillaware, zog sich für sechs Jahre in eine abgelegene Berghütte zurück. Das Ergebnis ist Veritas Tales: Witch of the Dark Castle, ein handgezeichneter Old-School-RPG-Trip, der an die britischen Spielbücher Grailquest und Deathtrap Dungeon erinnert. Nishimura lebte ohne Stromanschluss in den ersten zwei Jahren und programmierte das Spiel auf einem Laptop mit Solarenergie.
- Nishimura war bei Vanillaware (gegründet 2002) als Background-Artist tätig. Seine Arbeiten finden sich in Dragon’s Crown (2013, 1,1 Mio. verkaufte Exemplare) und 13 Sentinels: Aegis Rim (2019, über 500.000 Verkäufe). Er zeichnete unter anderem die detailreichen Wälder und Burgen in Dragon’s Crown.
- Nach seinem Ausscheiden 2017 begann er Veritas Tales als Solo-Projekt. Es ist sein erster eigener Titel, kein Publisher, kein Crowdfunding. Die Entwicklung dauerte genau fünf Jahre und acht Monate.
Ein Love Letter an die interaktive Fantasy-Literatur
Veritas Tales orientiert sich an den „Choose Your Own Adventure“-Prinzipien der 1980er-Jahre. Statt moderner Open-Worlds erwartet den Spieler eine lineare, aber verzweigte Erzählung, gespickt mit Rätseln und taktischen Kämpfen. Die Grafik imitiert den detailverliebten 2D-Stil von Vanillaware, jedoch mit eigener künstlerischer Handschrift. Das Spiel enthält handgemalte Hintergründe, animierte Charakterporträts und eine orchestral angehauchte Chiptune-Musik.
- Die britischen Vorlagen Grailquest (8 Bände, 1984–1992, Gesamtauflage über 2 Millionen) und Fighting Fantasy (über 17 Millionen Exemplare weltweit) definierten das Genre der interaktiven Fantasybücher. Nishimura nennt Ian Livingstones Deathtrap Dungeon (1984) als direkten Einfluss, dessen Spielmechanik mit Würfelwürfen und Entscheidungsbäumen wurde eins zu eins adaptiert.
- Vergleichbare Indie-Spiele der letzten Jahre: Roadwarden (2022, >250.000 Verkäufe) und The Life and Suffering of Sir Brante (2021, >300.000 Verkäufe) zeigen, dass textlastige Entscheidungsspiele ein stabiles Nischenpublikum bedienen. Veritas Tales setzt zusätzlich auf taktische Rundenkämpfe mit sechs Charakterklassen.
Erhältlich ab sofort, kein Early Access, kein Hype
Veritas Tales: Witch of the Dark Castle ist seit dem 1. Dezember 2024 auf Steam und GOG erhältlich. Es gibt keine DLC-Pläne, keinen Multiplayer-Modus, nur ein puristisches, abgeschlossenes Einzelspieler-Erlebnis. Nishimura hat das Projekt eigenständig programmiert und designt. Das Spiel bietet rund 15 Stunden Spielzeit, sieben verschiedene Enden und einen Schwierigkeitsgrad, der an Deathtrap Dungeon erinnert.
- Der Preis liegt bei 19,99 Euro. In den ersten zwei Wochen wurden laut SteamDB über 8.000 Kopien verkauft, für ein komplett unbekanntes Projekt ohne Marketing beachtlich. Die Spielerbewertung liegt bei 84 % positiv (Stand 15. Dezember).
- Nishimura verzichtete auf einen Publisher, um die kreative Kontrolle zu behalten. „Ich wollte keinen Kompromiss machen, nicht bei der Schriftart, nicht bei der Farbpalette“, sagte er in einem Interview mit Rock Paper Shotgun. Das Risiko trug er allein: Die Entwicklungskosten (geschätzt 60.000 Euro) finanzierte er aus eigenen Ersparnissen.
Fazit aus dem Tal
Nishimuras Rückzug in die Berge wirkt wie eine moderne Legende. Statt sich dem Markt anzupassen, schuf er ein Werk, das nur aus Leidenschaft bestehen kann. Ob Veritas Tales ein kommerzieller Erfolg wird, spielt für diese Geschichte eine Nebenrolle. Tatsächlich hat Nishimura bereits begonnen, an einem zweiten Kapitel der Reihe zu arbeiten, erneut ohne Crowdfunding, aber mit einem kleinen Team von zwei ehemaligen Vanillaware-Kollegen.