Die 90er: Eine Ära der Experimente
1996 verkaufte Bandai weltweit 40 Millionen Tamagotchis, im selben Jahr brachte Nintendo den Game Boy Pocket auf den Markt, eine schlankere Version des Handhelds von 1989. Der Markt für mobile Geräte war fragmentiert: Einzweck-Gadgets dominierten, während Smartphones noch reine Science-Fiction waren. Die Hersteller experimentierten mit Formaten, Bildschirmen und Bedienkonzepten, ohne die Blaupause eines iPhone.
- Sony setzte auf Kassetten und CDs, Nintendo auf austauschbare Module, Bandai auf eine einzelne Funktion.
- Die Technologie war begrenzt: NiMH-Akkus hielten selten länger als vier Stunden, LCDs zeigten nur Graustufen oder wenige Farben.
Der Game Boy als Wegbereiter
Nintendos Game Boy, entwickelt von Gunpei Yokoi und seinem Team, setzte 1989 den Startpunkt für mobiles Gaming. Yokoi hatte zuvor die Game & Watch-Serie (1980) erschaffen, basierend auf LCD-Taschenrechner-Displays. Das Konzept war einfach: niedrige Kosten, lange Akkulaufzeit (ca. 15 Stunden mit vier AA-Batterien), robustes Design.
- In den 90ern wurde der Game Boy mit Tetris (Bundlespiel ab 1989) und Pokémon Rot/Blau (1996 in Japan) zum Massenphänomen.
- Bis 2003 verkaufte Nintendo 118,69 Millionen Einheiten aller Game-Boy-Modelle, inklusive Game Boy Color (1998) und Game Boy Advance (2001).
- Die Konkurrenz: Segas Game Gear (1990) mit Farbdisplay, aber 6 AA-Batterien für drei Stunden; Ataris Lynx (1989) mit 16-Bit-Grafik, aber klobigem Gehäuse, beide verkauften sich unter 5 Millionen Mal.
Tamagotchi: Der digitale Dauerbrenner
1996 brachte Bandai den Tamagotchi auf den Markt, eine Idee der Produktdesignerin Aki Maita, die ein digitales Haustier schaffen wollte, das in eine Hosentasche passte. Bandai hatte zuvor vor allem Lizenzspielzeug wie Power Rangers-Figuren vertrieben. Der Tamagotchi erforderte alle 30 Minuten Aufmerksamkeit: füttern, spielen, saubermachen.
- Das Gerät verkaufte sich weltweit über 82 Millionen Mal und löste einen Hype aus, 1997 folgte der Digimon von Bandai, der Kämpfe zwischen virtuellen Monstern ermöglichte.
- In Japan wurden Tamagotchis zeitweise zu Preisen von 30.000 Yen auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Das Prinzip der ständigen Verbindung ohne Internet prägte später Apps wie Nintendogs (2005) und Pokémon GO (2016).
Walkman und Discman: Musik zum Mitnehmen
Sonys Walkman TPS-L2 erschien 1979, aber in den 90ern erlebte das Kassettenformat mit dem WM-EX-Serie eine Verfeinerung: Auto-Reverse, Dolby-Rauschunterdrückung, kleiner als eine Kassette. Der Discman (offiziell CD Walkman) kam 1984 mit dem Modell D-50 auf den Markt, eine CD-Player-Erstauflage, die noch über 1.000 US-Dollar kostete.
- 1991 führte Sony die G-Force-Anti-Skip-Funktion ein: Ein Puffer las 10 Sekunden Musik vor, um Erschütterungen auszugleichen. Modelle wie der D-EJ100 (1999) speicherten sogar 40 Sekunden.
- Der Discman erreichte 1995 einen Marktanteil von 70% bei tragbaren CD-Playern. Heute sind diese Geräte als Retro-Sammlerobjekte gefragt: Ein unbenutzter Walkman WM-D6C erzielt auf eBay bis zu 500 Euro.
Von Palm Pilot bis Tamagotchi: Die bunte Mischung
Die Liste der 23 Gadgets zeigt die Bandbreite der 90er: Der Palm Pilot 1000 (1996) von Palm Inc., gegründet von Jeff Hawkins, war der erste erfolgreiche PDA mit Handschrifterkennung (Graffiti). Vorläufer waren Apples Newton MessagePad (1993), das mit 200.000 Einheiten floppte. Palm verkaufte bis 2000 über 10 Millionen Geräte.
- Segas Game Gear (1990) mit seiner 160×144-Pixel-Farb-LCD und eingebautem TV-Tuner (optional) war technisch überlegen, aber mit 6 AA-Batterien für 3–4 Stunden ein Stromfresser. Verkauft: 11 Millionen Einheiten.
- Nintendos Virtual Boy (1995) von Yokois Team war ein Flop: monochromes rotes 3D-Display, nur 22 Spiele, 770.000 verkaufte Stück. Die kurze Entwicklungszeit (ca. 1 Jahr) führte zu schwacher Spieleauswahl.
- Der Nintendo 64 (1996) markierte den Einstieg in 3D-Gaming mit dem RCP-Grafikchip (Reality Co-Processor) und dem Analogstick-Controller. Verkauft: 32,93 Millionen Einheiten. Killer-App: Super Mario 64 (1996) definierte 3D-Plattformer.
Das Ende der Ära
Mit dem iPhone 2007 verschwanden Walkman, Tamagotchi und Game Boy aus den Taschen, nicht aber aus den Sammlungen. Der Tamagotchi lebt in der Tamagotchi-Online-App (2021) weiter, der Game Boy als Emulator auf Steam. Allein 2022 wurden auf eBay über eine Million Game-Boy-Spiele gehandelt, davon 40% als ungeöffnete Exemplare. Die Plattform PriceCharting listet den Durchschnittspreis eines gebrauchten Pokémon Gelb-Moduls bei 45 Euro.