Bissig, schnell, unverändert
Ben “Yahtzee” Croshaw ist weiterhin da und rezensiert Videospiele mit derselben schlechten Laune wie eh und je. Sein früheres Format Zero Punctuation galt über Jahre als Pflichtprogramm für alle, die Kritik jenseits braver Wertungskästen suchten. Der Nachfolger Fully Ramblomatic führt diese Linie fort und ist für viele Zuschauer bis heute der Grund, überhaupt noch Spielekritik in Videoform zu verfolgen. Wer den Ton damals mochte, bekommt ihn heute noch geliefert. Daran hat sich wenig geändert, und genau das ist die Nachricht.
Was Zero Punctuation so besonders machte
- Erzähltempo: Die Stimme raste durch die Sätze, als gäbe es keinen Morgen und keine Atempause.
- Bildsprache: Schlichte Strichmännchen bebilderten die Wortspiele direkt im Takt der Erzählung.
- Tonfall: Schonungslos, spöttisch, ohne Rücksicht auf den PR-Kalender der Publisher.
- Format: Kurze Episoden, die ohne Punktzahl und ohne Bewertungsskala auskamen.
- Haltung: Kritisiert wurde das Spiel, nicht die Marketingabteilung dahinter.
Der Nachfolger trägt die Fackel
Fully Ramblomatic übernimmt die Grundform und verzichtet weiterhin auf Zahlen am Ende. Stattdessen zählt das Argument, verpackt in Wortspiele, Seitenhiebe und einen Erzählfluss, der keine Verschnaufpause kennt. Wer die alten Folgen mochte, findet hier dieselbe Handschrift wieder, nur unter neuem Namen. Das Publikum ist mitgewandert, was zeigt, wie stark die Marke an die Person Croshaw gebunden ist. Ein Format wechselt den Rahmen, nicht aber die Haltung.
Warum Gemeinheit hier eine Funktion hat
Spöttische Kritik ist nicht automatisch gute Kritik, das war sie nie. Bei Croshaw steckt hinter dem Zynismus meist eine konkrete Beobachtung: ein Spieldesign, das sich selbst im Weg steht, eine Steuerung, die nicht erklärt wird, eine Geschichte, die ihre eigene Prämisse vergisst. Die Bosheit ist Verpackung, nicht Inhalt. Wer nur die Beleidigungen mitnimmt, verpasst den Punkt der Rezension. Genau deshalb funktioniert der Ton seit Jahren, während viele andere scharfe Stimmen schnell verpufft sind.
Handwerk hinter der schlechten Laune
- Die Skripte sind getaktet, jede Pointe sitzt auf einem vorbereiteten Bild.
- Wortspiele und Vergleiche ersetzen generische Adjektive wie “solide” oder “rund”.
- Die Videos brauchen keine Gameplay-Aufnahmen, um Argumente zu transportieren.
- Croshaw ist öffentlich auch als Autor eigener Texte und Spiele in Erscheinung getreten.
- Die Stimme bleibt erkennbar, egal über welches Genre gesprochen wird.
Wie sich die Spielekritik verändert hat
Der Markt für Rezensionen hat sich in den vergangenen Jahren stark verschoben. Statt langer Textkritiken dominieren kurze Clips, Live-Streams und algorithmusfreundliche Formate, die Aufmerksamkeit in Sekunden gewinnen müssen. Ein Format wie Fully Ramblomatic arbeitet bewusst gegen diesen Trend: Es verlangt, dass man zuhört, statt durchzuscrollen. Das erklärt, warum die Reihe trotz veränderter Sehgewohnheiten noch existiert. Wer heute noch über Spiele streitet, kennt diesen Ton.
Was das für Spieler bedeutet
- Rezensionen dürfen weiterhin Haltung zeigen, nicht nur Features abhaken.
- Ein einzelner Kritiker kann über Jahre eine treue Zuschauerschaft binden.
- Der Wechsel des Formatnamens hat die Serie nicht weicher gemacht.
- Zwischen Unterhaltung und Argument bleibt die Grenze fließend.
Ein Publikum, das geblieben ist
Die Zuschauer zitieren Sprüche aus alten Folgen noch Jahre später, und neue Videos werden weiterhin lebhaft diskutiert. Croshaw selbst hat nie behauptet, objektiv zu sein, was ihm den Vorwurf der Unsachlichkeit erspart. Sein Publikum erwartet eine Meinung mit Haltung und bekommt sie. Dass er damit bis heute weitermacht, ist für Freunde scharfer Spielekritik ein Glücksfall.