Valor Mortis: Erstes Soulslike im Napoleonischen Europa
Die Ghostrunner-Macher schicken einen gefallenen Soldaten der Grande Armée als untoten Paraden-Kämpfer durch ein verseuchtes Europa.
Ein Grab auf dem Schlachtfeld
Valor Mortis setzt dort an, wo andere Spiele aufhören: William, Soldat der Grande Armée, wird aus einem Feldgrab geholt. Das Europa, in das er zurückkehrt, trägt eine Seuche in sich, und deren Kraft fließt nun durch seine Adern.
Die Ghostrunner-Macher tauschen damit Cyberpunk-Podeste gegen Bajonette und Schlamm. Die Ego-Perspektive behalten sie bei, und daraus entsteht die interessanteste Frage des ganzen Spiels.
Paraden mit fehlendem Körpergefühl
Das Kampfsystem besteht aus Paraden, Ausweichmanövern und brutalen Gnadenstößen, dazu eine Reihe von Waffen und übernatürlichen Fähigkeiten. Kraft lässt sich bündeln, um Angriffe zu verstärken, weitere Kräfte kommen im Verlauf dazu.
- Grundgerüst: Parade, Ausweichen, Gnadenstoß. Das verlangt Timing statt Dauerfeuer.
- Fortschritt durch Tod: Jeder Tod ist laut Beschreibung eine Chance, stärker zu werden.
- Bewegung: Die Mobilität soll helfen, die verseuchten Scheusale aus Napoleons Ewiger Garde auszutricksen.
In Third-Person-Soulslikes liest man Angriffsmuster am ganzen Körper des Gegners und am Abstand zwischen beiden Figuren. Aus der Ich-Perspektive fällt dieser Anker weg, das Parry-Timing wird zur Kopfsache.
Tod als Fortschrittsquelle
Der Wiedergeburts-Loop passt zum Thema, denn Williams Existenz ist selbst eine Wiederauferstehung. Er verschiebt den Ton aber vom Erlernen der Muster zum Abnutzen der Gegner.
Wer nach dem zehnten Fehlversuch lieber Werte steigert als den eigenen Rhythmus zu korrigieren, wird hier belohnt. Spieler, die Fortschritt an Können messen wollen, müssen sich diese Disziplin selbst auferlegen.
Napoleon, Seuche, Ewige Garde
Die Alternativgeschichte des 19. Jahrhunderts ist der stärkste eigene Akzent des Spiels. Historische Figuren treffen auf Seuche, Monster und Horror, während die Kosten des endlosen Krieges die Landschaft zerrüttet haben.
- Kulisse: Grande Armée, Ewige Garde, verseuchte Provinzen.
- Erkundung: Die düstersten Ecken der Welt sollen Geheimnisse und bessere Überlebenschancen liefern.
- Verschwörung: Hinter der Seuche steckt mehr als eine Krankheit, nämlich eine Bedrohung für die gesamte Menschheit.
Historisch Interessierte bekommen hier eher Horror mit historischem Anstrich als Geschichtsunterricht. Das ist kein Makel, gehört aber zur Erwartungshaltung vor dem Kauf.
Mobilität gegen Methodik
Ghostrunner war ein Spiel der Geschwindigkeit, ein Soulslike ist eines der Geduld. Beide Schulen stecken nun in einem Kampfsystem, und die Beschreibung verspricht Tempo und Methodik gleichzeitig.
- Stärke: Die Beweglichkeit hebt Valor Mortis von trägen Genre-Vertretern ab.
- Reibung: Wo Soulslikes Distanzkontrolle belohnen, verleitet Mobilität zum Durchrennen.
Ob sich dieser Widerspruch auflöst, entscheidet über den Charakter des Spiels mehr als jede Monsterart.
Für wen es sich lohnt
Wer Bloodborne wegen der Atmosphäre liebte und Ghostrunner wegen der Bewegung, findet hier eine seltene Kombination. Wer ein ausbalanciertes Third-Person-Soulslike mit klar lesbaren Duellen sucht, wird mit der Ego-Perspektive hadern.
Ein First-Person-Soulslike im napoleonischen Europa gab es vorher nicht, und diese Lücke besetzt Valor Mortis ohne Konkurrenz.
+ PRO
- +Napoleonisches Europa als Soulslike-Kulisse hebt sich klar vom Dark-Fantasy-Einheitsbrei ab
- +Die Ego-Perspektive macht Paraden und Gnadenstöße zu einer ungewohnt körpernahen Angelegenheit
- +Tod als Fortschrittsquelle verbindet die Spielmechanik mit der Wiederauferstehungsgeschichte Williams
- +Übernatürliche Fähigkeiten erweitern das Waffenarsenal, statt es zu ersetzen
- +Die Ghostrunner-Mobilität bringt Tempo in ein genretypisch schwerfälliges Kampfsystem
- CONTRA
- -Die Ego-Perspektive nimmt das Körpergefühl, mit dem Third-Person-Soulslikes Parry-Timing lesbar machen
- -Der Stärker-werden-durch-Sterben-Loop verleitet zum Abnutzungskampf statt zum Erlernen der Muster
- -Der historische Rahmen dient vor allem als Kulisse für Horror, Geschichtsfans bekommen wenig Historie
- -Mobilität und Soulslike-Methodik widersprechen sich im Kern des Kampfsystems
FAZIT
Ein atmosphärisch eigenständiges Experiment, das zwischen Soulslike-Geduld und Ghostrunner-Tempo zerrieben wird und deshalb nur eines der beiden Lager ganz bedient.
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