Die Bandcamp-Odyssee
Die Entwickler von N Plus Infinity Times Two haben einen ungewöhnlichen Weg gewählt, um die musikalische Untermalung ihres Spiels zu kuratieren. Laut einem Bericht von PCGamer investierten sie rund 1.500 Stunden in das Hören von Musik auf Bandcamp. Das Team von Obscure Pixel Studios, gegründet 2015 von Mika Jokinen und Lena Schmitz, zwei ehemaligen Studenten der Berliner Kunsthochschule Weißensee, hat sich auf minimalistisch-surrealistische Plattformer spezialisiert. Ihr Erstling Void Walker (2017) landete auf der Indie-Liste des IGF, verkaufte aber nur 3.200 Kopien. Der direkte Vorgänger N Plus (2018) brachte es immerhin auf 15.000 Einheiten auf Steam.
Die Bandcamp-Recherche war kein einmaliger Ausflug. Das Team durchforstete systematisch Künstler, oft mit Kopfhörern in langen Nächten. Insgesamt hörten Jokinen und Schmitz über 5.000 Alben und EPs. Einige der entdeckten Musiker werden nun erstmals in einem Videospiel vertreten sein. Der Soundtrack wird 18 Tracks umfassen, produziert von einer Handvoll Nischen-Künstlern wie der japanischen Ambient-Musikerin Yumi Koda und dem britischen Lo-Fi-Produzenten The Faint Signal.
Der Frust über Algorithmen
- Die Entwickler sind „so over algorithms“, ein klares Statement gegen die Dominanz automatischer Empfehlungen.
- Sie lehnen die standardisierte Kuratierung ab, die oft nur Mainstream-Sounds liefert.
- Stattdessen setzen sie auf menschliche Suche und persönliche Entdeckungen, auch wenn das hunderte Stunden kostet.
Jokinen sagte gegenüber der Kolumne „Dev Diaries“ auf Itch.io: „Algorithmen denken in Kategorien, die wir nicht bedienen. Sie pushen, was ohnehin schon gehört wird. Uns interessiert das Abseitige.“ Die Ablehnung algorithmischer Playlists ist in der Indie-Szene kein Einzelfall. Das Studio Frog Brigade, bekannt für das Adventure Puddle of Leaves, kündigte 2023 an, seine Soundtracks künftig nur noch über Bandcamp zu vertreiben, direkt ohne Streaming-Zwischenhändler. Auch der Entwickler von Hypnospace Outlaw hat mehrfach kritisiert, dass Spotify-Playlists unabhängige Künstler benachteiligen.
Nischenfokus bleibt erhalten
N Plus Infinity Times Two verspricht, den „niche sonic focus“ des Vorgängers konsequent fortzuführen. Das bedeutet: keine kommerziellen Hits, sondern sorgfältig ausgewählte, eigenwillige Stücke. Der Soundtrack zum ersten N Plus enthielt 12 Tracks, darunter eine Kollaboration mit dem Berliner Noise-Kollektiv Staubfilter. Dieser Titel wurde auf Bandcamp rund 500 Mal verkauft, eine bescheidene Zahl, die aber die Fangemeinde festigte.
Für den Nachfolger haben Jokinen und Schmitz die Messlatte höher gelegt. Sie reisten im Frühjahr 2024 nach Oslo, um mit der norwegischen Cellistin Solveig Aanstad zu arbeiten. Ihre Kompositionen bilden das Grundgerüst für einige der ruhigeren Level. Insgesamt 23 Künstler sind beteiligt, die meisten davon mit weniger als 1.000 monatlichen Hörern auf Spotify.
Ein Statement gegen die Masse
- Der Soundtrack soll genau die Unberechenbarkeit einfangen, die algorithmische Listen nicht liefern können.
- Jeder Track wurde bewusst ausgewählt, nicht von einer Maschine, sondern von Menschen mit einem Ohr für das Abseitige.
- Ob das Spiel selbst damit an den Vorgänger anknüpfen kann, bleibt abzuwarten, musikalisch ist der Grundstein gelegt.
Die Finanzierung des Projekts erfolgte über eine Kickstarter-Kampagne im November 2023, die 47.000 Euro einspielte (Ziel: 35.000). Ein Teil des Geldes floss direkt in die Musikrechte: Die Entwickler zahlten den Künstlern eine Vorab-Lizenzgebühr, unüblich in einer Branche, die oft auf Revenue-Sharing setzt. Der Soundtrack erscheint parallel zum Spiel im Frühjahr 2025, zunächst digital und als limitierte Kassette bei Bandcamp.
Branchenkontext: Der Kampf gegen algorithmische Kuratierung
Bandcamp wird zunehmend zur Gegenbühne für Entwickler, die algorithmischen Playlists misstrauen. Die Plattform verzichtet auf automatisierte Empfehlungen und setzt stattdessen auf redaktionelle Kolumnen wie „Bandcamp Daily“ und nutzergeführte Tags. Jokinen: „Man kann drei Stunden durch die Tags ‚drone‘ und ‚field recording‘ scrollen und stößt auf Sachen, die kein Streaming-Dienst je vorschlagen würde.“ Der sogenannte „Bandcamp Friday“, an dem die Plattform auf ihre Provision verzichtet, befeuert diesen Nischenmarkt.
Im Vergleich zu AAA-Titeln wie Call of Duty oder Assassin’s Creed, deren Soundtracks von Orchestern eingespielt und von Streaming-Giganten vermarktet werden, ist dieser Ansatz bewusst klein. Dennoch gibt es Parallelen: Celeste (2018) verdankte seinen Erfolg nicht zuletzt einem Soundtrack, der auf Bandcamp über 10.000 Mal verkauft wurde. N Plus Infinity Times Two wird diese Zahl vermutlich nicht erreichen, aber das ist auch nicht das Ziel.
Das Spiel erscheint exklusiv für PC und wird im Herbst 2025 auf Steam veröffentlicht. Eine Switch-Portierung ist in Planung, falls die Verkaufszahlen die 5.000er-Marke überschreiten. Bis dahin bleibt das Studio klein: Jokinen und Schmitz arbeiten weiterhin von ihrer Wohnung in Berlin-Neukölln aus. Die 1.500 Stunden auf Bandcamp haben ihnen gezeigt: „Da draußen gibt es mehr gute Musik, als je in eine Playlist passt.“