Eine Prämisse, die unter die Haut geht
Die Visual Novel „Am I Nima“ wurde am vergangenen Wochenende im Rahmen des Story Rich Showcase gezeigt. Die Grundidee ist so simpel wie unangenehm: Ihr schlüpft in die Rolle der titelgebenden Nima, die ihre eigene Mutter davon überzeugen muss, dass sie wirklich deren Tochter ist.
Das klingt absurd, aber die Macher geben zu Protokoll, dass das Thema existenzielle Beklemmung auslösen kann. Konkret wird vor möglichen Triggern im Zusammenhang mit Missbrauch gewarnt, das ist weit mehr als ein harmloses Wortspiel.
Entwickler: Ein Ein-Personen-Projekt mit Vorgeschichte
„Am I Nima“ stammt vom niederländischen Indie-Studio DroomVat, das 2019 von der Entwicklerin Naomi Visser gegründet wurde. Visser arbeitete zuvor als Narrative Designerin bei einem kleinen Publisher für Educational Games. Ihr Erstling „The Mirror’s Echo“ (2021) war eine textbasierte Visual Novel über Gedächtnisverlust, die auf Steam knapp 400 Bewertungen erhielt, eine solidarische Nische. 2023 folgte „Lost Letters“, ein Puzzlespiel, in dem man Briefe eines verschollenen Soldaten rekonstruieren musste. Beide Titel zeigten bereits eine Vorliebe für düstere Familiendynamiken, kamen jedoch ohne Trigger-Warnungen aus. Visser selbst erklärte im Showcase-Interview, dass die Idee zu „Am I Nima“ aus einer persönlichen Auseinandersetzung mit Identitätsfragen entstand. Die Entwicklung dauerte 18 Monate, das Budget lag unter 20.000 Euro, finanziert durch einen niederländischen Kulturfonds.
Wortfusion als Überlebensstrategie
- Die Spielmechanik dreht sich um das Finden und Kombinieren von Wörtern im Kopf der Protagonistin.
- Ihr müsst passende Begriffe fusionieren, um der Mutter die richtigen Antworten zu liefern.
- Jede falsche Kombination könnte die bereits brüchige Fassade der Identität weiter zerstören.
Es geht nicht um Highscores oder schnelle Reaktionen. Der Druck entsteht aus der emotionalen Zerbrechlichkeit der Situation. Jede Wortwahl ist ein Drahtseilakt zwischen Überzeugung und Entlarvung.
Branchenkontext: Wortspiele mit Ernst
Die Mechanik der Wortfusion hat Parallelen zu „The Garden Path“ (2022), wo Spieler Wörter pflanzen, um Geschichten wachsen zu lassen. Doch „Am I Nima“ setzt auf eine psycho-soziale Ernsthaftigkeit, die in diesem Genre selten ist. Ein direkter Vorgänger im engeren Sinne ist „The Identity Game“ (2020), ein Freeware-Titel des deutschen Entwicklers Rote Erde Games, der ebenfalls Gesprächsoptionen durch Wortkombinationen freischaltete. Jener Titel verkaufte sich weltweit unter 1.000 Mal, erntete aber auf itch.io positive Kritiken. „Am I Nima“ geht einen Schritt weiter, indem es die Trigger-Warnung nicht als Anhängsel, sondern als Kern der Vermarktung nutzt. Der Story Rich Showcase selbst ist bekannt für seine Fokussierung auf narrative Experimente, 2023 wurden dort Titel wie „Bury Me, My Love“ und „A Normal Lost Phone“ präsentiert. „Am I Nima“ reiht sich ein in diese Reihe von Spielen, die Alltagssituationen in psychologische Kammerspiele verwandeln.
Trigger-Warnung: Kein Spiel für zwischendurch
Die Entwickler haben im Showcase deutlich gemacht, dass „Am I Nima“ keine leichte Kost ist. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter steht im Zentrum, und zwar in einer Form, die bei Spieler*innen mit entsprechenden Vorerfahrungen echte Belastung auslösen kann.
- Die düstere Atmosphäre wird durch reduzierte Grafik und bedrückende Soundkulisse verstärkt.
- Es gibt keine Ausweichmöglichkeiten: Wer weitermacht, muss sich den Konflikten stellen.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine faire Warnung. Wer empfindlich auf Themen wie emotionale Erpressung oder Identitätszweifel reagiert, sollte vorsichtig sein.
Erster Eindruck aus dem Showcase
Bisher gibt es nur einen kurzen Trailer und wenige Screenshots. Die Pixel-Optik erinnert an klassische Adventure-Spiele der 90er, doch der Inhalt ist alles andere als retro-harmlos.
- Die Wort-Kombinationen sind nicht zufällig, sondern storygetrieben.
- Jeder Fund erweitert das Verständnis für Nimas zerrissene Welt.
Ob das Konzept über die gesamte Spielzeit trägt, bleibt abzuwarten. Aber als mutiges Narrativ-Experiment hat „Am I Nima“ bereits jetzt für Gesprächsstoff gesorgt.
Demo und Release-Termin
Eine öffentliche Demo ist für Mai 2025 auf Steam geplant, der Vollrelease soll im vierten Quartal 2025 erfolgen, zunächst für Windows, später für macOS. Der Preis wird voraussichtlich bei 12,99 Euro liegen. Visser arbeitet bereits an einem begleitenden Soundtrack, der als separates Album erscheinen soll.