Zwischen Nova City und Chongxiao
Auf der Gamescom 2026 konnte ich Ananta von Naked Rain (im Artikel auch als „Perfect Rain“ bezeichnet) selbst anspielen. Das Free-to-play Urban-RPG wird oft als „Anime GTA“ beschrieben, und der erste Eindruck bestätigt diesen Vergleich: eine riesige Open World, mehrere Fahrzeuge und ein Wechsel zwischen zwei komplett unterschiedlichen Städten. Nova City ist eine pulsierende Metropole mit Hochhäusern, Geschäften und Aktivitäten, während Chongxiao als ruhiges Dorf mit traditioneller chinesischer Architektur kontrastiert. Genau diese Bandbreite macht neugierig, wirft aber auch Fragen auf.
- Im Menü waren die Story-Mission und die offene Welt getrennt, wie die internationale Marketingleitung erklärte, soll das aber im fertigen Spiel nicht so sein.
- Die beiden Städte sind nicht nur Kulisse, sondern bieten Minispiele wie Teezeremonien oder Brettspiele an.
- Der Wechsel zwischen moderner Großstadt und ländlicher Idylle wirkt qualitativ hochwertig umgesetzt.
- Mehrere Fortbewegungsarten inklusive Autos, Motorräder, Yacht, Gleiten und Schwingen zwischen Gebäuden sind vorhanden.
Charaktere, die anders ticken
Statt eines üblichen Helden kontrolliert man den Captain der „Countermeasures Bureau“, einer heruntergekommenen Organisation. Um diese wieder aufzubauen, wird der Captain kurzerhand zum Online-Star, denn die Spielfigur wächst durch Follower und virale Momente. Das ist ungewöhnlich: Popularität ist direkt mit dem Spielfortschritt verknüpft, neue Missionen, Ressourcen und sogar Gefährten schalten sich durch die wachsende Fangemeinde frei. Dabei bekommt man von anderen Figuren niedliche Spitznamen verliehen, was in eine Welt passt, in der jeder ständig am Handy hängt.
- Im Hands-on auf der Gamescom 2026 gab es zwei spielbare Missionen, die separat vom Open-World-Bereich waren.
- Rekrutierbare Begleiter wie Richie und Taffy bieten unterschiedliche Spielweisen: Richie arbeitet für die New Eden Patrol und kann Verdächtige durchsuchen, während Taffy als Essenslieferantin auf dem Motorrad durch die Stadt düst.
- Die Entwickler betonen, dass die Charaktere unterschiedlich genug sein müssen, damit Spieler ihnen Kosmetik kaufen wollen, ein wichtiger Punkt für das Free-to-play-Modell.
- Ein Stealth-Abschnitt mit den Schwestern Yinglong in Chongxiao zeigte eine gelungene Mischung aus Verstecken und Ausweichen.
Kampf und Bewegung mit Macken
Der Kampf wirkt solide, aber nicht übermäßig komplex. Eine Einführung erklärt Blocken und Kontern, gegnerische Angriffe werden durch blaues Aufblitzen angekündigt. Lustig ist, dass man im Kampf Gegenstände wie Fahrzeuge oder Mülleimer auf Feinde werfen kann, das sorgt für spielerische Abwechslung. Die Fortbewegung überrascht dagegen positiv: Je nach Charakter wechselt man zwischen Autofahren, Gleiten durch die Luft, Yachtfahren oder spinnenartigem Schwingen durch die Straßen. In Nova City konnte das alles problemlos in einer Umgebung getestet werden.
- Der Unterwasserabschnitt nach einem Wirbelsturm fühlte sich kontrolliert an und vermittelte gut die eingeschränkte Bewegung.
- Kurze Plattform-Passagen auf schnell verschwindenden Plattformen in einer alternativen Dimension störten nicht den Spielfluss.
- Die Steuerung war direkt eingängig, sodass selbst Sprung- und Gleitkombinationen ohne lange Einarbeitung funktionierten.
- Allerdings blieb der Kampf auf Dauer etwas eintönig, da die Mechanik wenig Variation bot.
Ein langfristiges Projekt mit offenen Fragen
Laut dem internationalen Marketing-Leiter Rain plant das Studio, Ananta als „langfristiges Spiel“ zu etablieren. Es gibt einen Plan für die Zeit nach dem Launch, Details wurden aber nicht genannt. Dies ist wichtig, denn die Einmalerlebnisse, die in den Missionen und Events stecken, bilden die Grundlage für langanhaltende Motivation. Zumindest auf der Messe wirkte es so, als ob Naked Rain die vielen Systeme nicht bloß als leere Hülle präsentieren will. Ob das auch nach Monaten noch funktioniert, bleibt abzuwarten.
- Die Entwickler betonen, dass neue Charaktere nicht über Gacha-Mechaniken erworben werden müssen, sondern durch die Story freigeschaltet werden können.
- Das Influencer-System, in dem jede Aktion auf die Fangemeinde abgestimmt ist, durchdringt das Gameplay.
- Die Gefahr besteht darin, dass die Kombination aus offener Welt, Story-Missionen und Social-Media-Progression zu vielen Systemen führt, die nicht alle gleich gut ausbalanciert sind.
- Naked Rain hat noch keinen konkreten Termin für die geplanten Updates genannt, außer den Releasezeitraum 2027.
Branchenkontext: Zwischen GTA-Formel und Anime-Ästhetik
Anime-Open-World-Spiele gibt es viele, aber Ananta versucht etwas Eigenes, indem es die soziale Medienwelt von heute in die Spielstruktur einbaut. Vergleicht man das mit anderen Vertretern des Genres, die meist auf Story-Questreihen und Sammelobjekte setzen, fällt bei Ananta die deutliche Ausrichtung auf virale Bekanntheit auf. Das könnte als Satire auf unsere Gesellschaft durchgehen, ist hier aber buchstäblich der Motor des Spiels. Ob diese Mechanik trägt, hängt letztlich davon ab, wie gut Naked Rain es versteht, den Spielern das Gefühl zu geben, dass ihre Handlungen tatsächlich eine wachsende Community nach sich ziehen. Ein solcher Ansatz ist riskant, denn er kann entweder zu einem faszinierenden Sandbox-Spiel führen oder vor lauter Systemen den Faden verlieren.
Das Studio selbst hat bisher keine bekannten großen Veröffentlichungen vorzuweisen, zumindest ist keine offizielle Angabe über frühere Titel verfügbar. Es ist also ein ambitioniertes Debüt, falls nicht doch noch ein anderes Projekt existiert. Bei einem Team, das so viele Elemente in einem einzigen Spiel vereinen will, stellt sich die Frage nach Erfahrung und Ressourcen. Vielleicht ist es genau diese Unbekanntheit, die Ananta so interessant macht, weil man nicht weiß, was man erwarten darf.
Spielerische Eindrücke aus der Praxis
Meine Zeit mit Ananta auf der Gamescom war lehrreich. Die Steuerung reagierte präzise, und die Kameraarbeit funktionierte selbst in den chaotischen Kämpfen. Besonders beeindruckt hat mich die schiere Menge an Interaktionsmöglichkeiten in Nova City: Von Restaurants über Arcade-Hallen bis zu Fitnessstudios, alles lud zum Verweilen ein. Das Erkunden der Umgebung wirkte nie wie eine Pflichtaufgabe, sondern wie ein natürlicher Teil des Erlebnisses. Die verschiedenen spielbaren Charaktere mit ihren eigenen Fähigkeiten steigern die Neugier auf später freischaltbare Optionen.
- Der Wechsel zwischen Nova City und Chongxiao zeigt die technische Bandbreite des Spiels.
- Die minimale Hürde beim Starten der Missionen lässt auf eine zugängliche Spielstruktur schließen.
- Der Mix aus actionreichen Kämpfen, entspannten Minispielen und ruhigen Erkundungsphasen funktioniert überraschend gut.
- Bei den Vorführungen waren die Modi getrennt, was im fertigen Spiel nicht mehr so sein soll.
Eine offene Welt, die noch beweisen muss
Ananta hat eine enorme Dichte an Ideen, und die ersten Teststunden machen deutlich, dass hier viel Herzblut steckt. Die moderne Social-Media-Thematik in Kombination mit der klassischen offenen Welt bietet einen frischen Ansatz, der sich von anderen Anime-Rollenspielen abhebt. Aber gerade weil so viele Elemente auf einmal eingebaut werden, besteht das Risiko, dass kein einzelner Bereich wirklich ausgereift wirkt. Der Kampf ist okay, die Stealth-Abschnitte sind ordentlich, aber nicht überragend, und die offenen Strukturen könnten mit der Zeit an Reiz verlieren, wenn der Content nicht nachgeliefert wird.
Dennoch war der letzte Eindruck nach der Gamescom durchweg positiv. Die Demos haben gezeigt, dass die Grundlagen funktionieren. Jetzt liegt es an Naked Rain, die vielen kleinen Puzzleteile zu einem stimmigen Ganzen zu verbinden. Bis zur Veröffentlichung im Jahr 2027 bleibt genug Zeit, um nachzubessern. Wenn das Studio sein Versprechen hält, dass die Charaktere nicht nur durch Gacha erscheinen, sondern Teil der Erzählung sind, könnte Ananta trotz aller Skepsis zu einem faszinierenden Vertreter seiner Zunft werden.