Ein Fund mit Tücken
Stell dir vor, du stöberst auf Steam nach einem skurrilen Indie-Spiel und stößt auf Bounce 2, ein grell-bunter Titel mit starkem CRT-Interlacing-Filter, der aussieht wie direkt aus der Atari-2600-Ära. Die Beschreibung verkauft es als Sequel zu einem 1983er-Spiel namens Bounce, das als „PONG-Killer“ gedacht war, aber genau zum Höhepunkt des großen Video-Game-Crashs erschien.
Klingt nach einer netten Retro-Geschichte? Nur leider ist das Original höchstwahrscheinlich frei erfunden.
Was die Steam-Seite erzählt
Laut der Produktseite soll Bounce für den Atari 2600 entwickelt worden sein, um den legendären PONG-Thron zu stürzen, ein ambitioniertes Vorhaben, das im Chaos des Crashs von 1983 unterging. Jetzt, über vierzig Jahre später, bringt Bounce 2 diese verlorene Vision zurück.
- CRT-gerasterte Optik mit authentischem Fernseher-Look
- Steuerung und Gameplay angelehnt an frühe PONG-Klone
- Angeblich eine echte Fortsetzung eines verschollenen Klassikers
Doch ein genauer Blick verrät: Von diesem „Bounce“-Original fehlt jede Spur. Keine Einträge in Atari-Datenbanken, keine ROM-Bilder, keine Erwähnungen in Retro-Magazinen.
Wer steckt dahinter?
Entwickelt wird Bounce 2 von Stray Pixel Studios, einem britischen Zwei-Personen-Team, das sich 2021 gründete. Gründer sind der Programmierer Liam Croft und der Pixel-Artist Nina Voss. Vor Bounce 2 veröffentlichten sie nur einen einzigen Titel: Chip Chase, ein 2022 erschienenes Puzzle-Spiel für PC und Switch. Chip Chase erzielte auf Steam knapp 3.000 Bewertungen, davon 78 Prozent positiv, ein solider, aber kein herausragender Erfolg. Das Team gab bisher kein offizielles Statement zur Herkunft der Bounce-Legende ab.
In Foren wie ResetEra und Reddit tauchten spekulative Threads auf: Ein User behauptete, Stray Pixel habe 2023 versucht, das angebliche Bounce-ROM als NFT zu verkaufen, doch der Post wurde gelöscht. Bestätigt ist das nicht. Fix ist: Croft arbeitete zuvor als QA-Tester bei Team17, Voss als freie Illustratorin für Retro-Spiele-Magazine.
Frühere Releases: Vom C64 bis zum Atari-Hommage
Das Studio hat keine Bounce-Vorgeschichte, der Name taucht in keiner bekannten Spielereihe auf. Allerdings veröffentlichte Stray Pixel 2023 einen kostenlosen Prototyp namens Bounce: Pre-Alpha, eine Engine-Demo, die nur über einen Discord-Link zugänglich war. Die Demo enthielt drei Level, aber kein Story-Gerüst. Im Januar 2024 entfernte das Team den Link spurlos.
Erwähnenswert ist: Croft postete auf seinem privaten Twitter-Account 2022 Fotos eines Atari-2600-Cartridges mit einem handbeschriebenen Aufkleber „Bounce“. Mehrere Retro-Experten analysierten die Aufnahmen, das Label wirkte „zu sauber“ und die Schriftart stammte von einem modernen Label-Drucker. Der Tweet wurde später gelöscht. Einem Interview mit dem Indie-Podcast PixelTalk zufolge gab Croft zu, „viel Spaß an alternativen Geschichten zu haben“, was einige als Hinweis auf einen Hoax deuten.
Ein Marketing-Gag oder echter Lost-Media-Fund?
Die naheliegendste Erklärung: Die Macher von Bounce 2 haben sich die Hintergrundgeschichte einfach ausgedacht, um ihrem Spiel eine mysteriöse Aura zu verleihen. Der Video-Game-Crash von 1983 ist ein beliebter Topf für erfundene Legenden, schließlich gingen damals hunderte Titel unter, und niemand hat eine vollständige Liste.
- Atari 2600 hatte zwar viele PONG-Klone, aber einen namens Bounce sucht man vergeblich.
- Das Genre war damals schon übersättigt; ein „Killer“-Anspruch wirkt übertrieben.
- Der Entwickler von Bounce 2 schweigt sich zu Quellen oder Belegen für das Original aus.
Branchenkontext: Fiktive Sequels und Retro-Fakes
Bounce 2 ist kein Einzelfall. 2021 veröffentlichte das Studio Vaporware Games den Titel Tank 1990: Retaliation, der angeblich ein Sequel zu einem nicht existierenden NES-Spiel war. Die Entwickler gaben später zu, dass die Hintergrundgeschichte eine Hommage an gescheiterte Projekte sein sollte. Verkaufszahlen lagen bei unter 1.000 Einheiten. Bounce 2 könnte ähnlich laufen, die Steam-Wunschliste (laut dritter Analyse-Site SteamDB) liegt bei knapp 4.500 Einträgen. Das ist wenig für einen vermeintlichen Retro-Hype.
Auch der Atari-2600-Markt ist gesättigt: Von 1977 bis 1984 erschienen rund 500 offizielle Spiele, darunter über 120 einfache PONG-Varianten. Ein weiterer Klon hätte 1983 kaum Aufsehen erregt. Der Begriff „PONG-Killer“ tauchte in Werbeanzeigen von Magnavox Odyssey und Coleco Telstar auf, nie für einen Atari-2600-Titel. Bounce 1983 hätte also im falschen Kontext gestanden.
Unsere Einschätzung
Ob das Spiel selbst gut ist, lässt sich ohne Test schwer sagen, aber die Story drumherum ist auf jeden Fall unterhaltsam. Bounce 2 nutzt die Sehnsucht nach verlorenen Retro-Schätzen geschickt aus.
Wer auf der Suche nach einem authentischen Atari-Erlebnis mit einer Prise Mysterium ist, sollte mal reinschauen. Nur mit dem Glauben an das Original Bounce sollte man vorsichtig sein. Die Wahrheit liegt vermutlich nicht auf dem Mond, sondern in einer cleveren Marketing-Idee.