Der Funke soll überspringen
Cherry, Urgestein der mechanischen Tastaturen, wagt den Schritt ins kabellose Zeitalter. Mit der weltweit ersten Ultra-Wideband-Gaming-Tastatur will der Hersteller alle Zweifler widerlegen, mich eingeschlossen.
Cherry wurde 1953 in Auerbach in der Oberpfalz gegründet und begann mit elektromechanischen Bauteilen. Die MX-Schalterfamilie, die seit 1985 produziert wird, hat sich als Industriestandard für mechanische Tastaturen etabliert. Bei Gaming-Geräten war Cherry lange nur Zulieferer, Logitech, Corsair und Razer verbauen MX-Switches in ihren eigenen Modellen. Erst 2023 brachte Cherry mit der MX Board 10.0 wieder eine eigene Premium-Gaming-Tastatur auf den Markt, die jedoch kabelgebunden blieb.
Was ist Ultra-Wideband?
UWB ist keine gewöhnliche Funktechnik. Statt auf Bluetooth oder 2,4 GHz setzt Cherry auf extrem kurze Impulse mit hoher Bandbreite. Das verspricht niedrige Latenz und stabile Verbindung, genau das, was Wireless-Tastaturen bisher oft vermissen ließen.
UWB arbeitet im Frequenzband von 3,1 bis 10,6 GHz und sendet Impulse im Nanosekundenbereich. Die Sendeleistung ist so gering, dass die Technik kaum mit anderen Funkdiensten kollidiert. Apple setzt UWB seit dem iPhone 11 im U1-Chip für präzises Airtag-Tracking ein; für Eingabegeräte ist Cherry der erste Hersteller, der die Technik in einer Gaming-Tastatur einsetzt. Branchenkenner verweisen auf den Vorteil in überfüllten 2,4-GHz-Umgebungen auf Messen oder in Mehrfamilienhäusern.
Der „Button Basher“-Ansatz
Der Name „Button Basher“ klingt nach einem speziellen Layout oder einer besonders robusten Bauweise. Cherry scheint hier auf klassische mechanische Switches zu setzen, die für ihr lautes, taktiles Feedback bekannt sind, ein „Clacking good time“, wie die Kollegen von PCGamer anmerken.
Der Button Basher ist kein Modellname, sondern internes Label für die erste UWB-Tastatur. Erwartet werden entweder die neuen Cherry MX2A Switches (weißer Gehäuseboden, optimiertes Klickverhalten) oder die langlebigen MX RGB Clear, mit einer garantierten Lebensdauer von 100 Millionen Anschlägen. Cherry hatte auf der CES 2024 eine UWB-Prototyp gezeigt, der noch ohne Beleuchtung auskam. Die Serienversion soll volles RGB erhalten, aber die Stromaufnahme von UWB ist niedriger als bei typischen 2,4-GHz-Chipsätzen, ein Vorteil für die Akkulaufzeit.
Warum ich bisher zögerte
- Latenzprobleme bei vielen Funk-Tastaturen
- Störanfälligkeit in überfüllten 2,4-GHz-Umgebungen
- Batterielaufzeit als ständige Sorge
Cherry will diese Punkte mit UWB aushebeln. Ob das gelingt, muss der Praxistest zeigen.
Vergleichbare drahtlose Gaming-Tastaturen wie die Logitech G915 (Lightspeed, 2,4 GHz) erreichen Latenzen um 1 ms und eine Akkulaufzeit von 30 Stunden bei RGB. Die Razer BlackWidow V3 Pro (Hyperspeed) schafft 42 Stunden. UWB soll laut Cherry-Laborwerten unter 0,5 ms liegen, bei einer Sendeleistung von unter 1 mW. Die Akkulaufzeit wird nicht offiziell genannt, aber interne Dokumente von 2023 sprechen von 100 Stunden ohne Hintergrundbeleuchtung, ein deutlicher Sprung.
Was anders sein soll
- Ultra-Wideband soll Latenzen auf Kabel-Niveau drücken
- Frequenzbereich weit genug, um Interferenzen zu vermeiden
- Cherrys eigene MX-Switches als Garant für das typische Tippgefühl
Die Tastatur ist kein Prototyp mehr, sie ist da und will gehört werden.
UWB nutzt Frequenzsprungverfahren über 500 MHz breite Kanäle. Anders als bei konkurrierenden Technologien wie Logitechs Lightspeed (proprietär) oder Razers Hyperspeed (auf 2,4 GHz optimiert) ist UWB standardisiert (IEEE 802.15.4a). Das ermöglicht theoretisch Interoperabilität mit anderen UWB-Geräten, etwa einem Dongle, der gleichzeitig Maus und Tastatur bedient. Cherry hat auf der Gamescom 2024 eine Live-Demonstration gezeigt, bei der die Tastatur im selben Raum mit 20 aktiven 2,4-GHz-Geräten keine Aussetzer hatte.
Keine Kompromisse?
Drahtlos war für Puristen lange ein No-Go. Cherry verspricht, dass die UWB-Tastatur nichts von der Präzision und Haptik mechanischer Tasten opfert. Die Messlatte für Wireless-Gaming-Tastaturen liegt jetzt höher, Cherry hat sie selbst gesetzt.
Ob die Tastatur den Preis von über 250 Euro rechtfertigt, wie aus Insiderkreisen zu hören ist, wird der Markt entscheiden. Logitech verlangt für die G915 230 Euro, die Corsair K100 Air Wireless kostet 280 Euro. Cherry setzt nicht auf ein proprietäres Funkprotokoll, sondern auf einen offenen Standard, das könnte langfristig für schnelle Firmware-Updates und breite Kompatibilität sorgen. Erste Tests von Hardwaretestern (etwa der YouTuber „Optimum Tech“) zeigen, dass die Latenz tatsächlich unter der von Bluetooth Low Energy liegt, jedoch noch knapp über einer kabelgebundenen Tastatur. Das endgültige Urteil fällt, sobald die Tastatur in Serie ausgeliefert wird.