Abschied von der Disc
Wie Kotaku berichtet, zeichnet sich in der Sammlergemeinde eine tiefe Verunsicherung ab. Das Ende physischer PlayStation-Titel ist für viele nicht nur ein Trend, sondern ein persönlicher Verlust. Ein Spieler bringt es auf den Punkt: Es fühle sich an, als müsse man „von vorne anfangen“.
Die Disc war jahrzehntelang das Rückgrat des Konsolenspielens. Ihr Verschwinden trifft vor allem diejenigen, die ihre Sammlung mit Hingabe aufgebaut haben.
Sony selbst hat den Wandel eingeleitet: 2020 erschien die PlayStation 5 in zwei Varianten, mit Laufwerk (499 Euro) und als digitale Edition (399 Euro). Laut Sony-Geschäftsbericht 2023 wurden weltweit rund 35 Millionen PS5 ausgeliefert, davon schätzungsweise 30 Prozent als Digital Edition. Der Anteil digitaler Spielekäufe auf der Plattform stieg von 40 Prozent in 2019 auf über 70 Prozent in 2023.
Warum die Disc unersetzlich wirkt
- Besitzgefühl: Physische Kopien lassen sich anfassen, tauschen und vererben. Digitale Lizenzen bleiben beim Anbieter.
- Präsentation: Cover Art, Booklets und Disc-Designs sind Teil der Fankultur. Ein Regal voller Spiele erzählt eine Geschichte.
- Wertbeständigkeit: Viele Titel steigen im Wert, ein digitaler Kauf kann nicht wiederverkauft werden. Ein Exemplar von Rule of Rose (PS2) erzielt heute auf Auktionen über 1000 Euro. Die Disc-Version von Persona 5 Royal für PS4 kostete nach der Limited-Run-Auflage das Dreifache des UVP.
- Erhaltung: Ohne Discs sind Spiele auf Server und Patches angewiesen. Irgendwann könnten sie unspielbar werden.
Für Sammler ist jeder physische Launch ein kleiner Triumph. Jetzt wird dieser Triumph seltener.
Der Markt im Wandel: Zahlen belegen den Trend
Der Niedergang physischer Spiele ist kein plötzlicher Bruch, sondern ein jahrelanger Prozess. In Deutschland lag der Umsatzanteil physischer Spiele 2015 noch bei 55 Prozent, 2023 nur noch bei 29 Prozent (laut GfK). Weltweit verkauften sich 2022 rund 280 Millionen Disc-Spiele, 2023 nur noch 210 Millionen, ein Rückgang von 25 Prozent.
Besonders betroffen sind AAA-Titel: Starfield erschien 2023 als reiner Download auf Xbox und PC. Alan Wake 2 von Remedy Entertainment kam ohne Disc-Version, das Studio argumentierte mit sinkender Nachfrage. Sony selbst ließ 2023 erste First-Party-Titel wie Helldivers 2 nur noch digital veröffentlichen. 2024 folgte Concord (eingestellt nach zwei Wochen), ein digital-only-Flop.
Historische Dimension: Von der CD zur digitalen Lizenz
Die PlayStation-Reihe begann 1994 mit der PS1 und dem CD-ROM-Format. Damals produzierten Sony und Lizenznehmer die Discs in eigenen Presswerken (z.B. Sony DADC in Österreich). Die PS2 (2000) setzte auf DVD, die PS3 (2006) auf Blu-ray. Jede Generation brachte mehr Speicher und bessere Kopierschutzverfahren.
Doch schon die PS3 hatte eine digitale Konkurrenz: Der PlayStation Store startete 2006. Kleine Indie-Titel erschienen oft nur als Download. 2013, zur PS4-Ära, begannen große Publisher wie Electronic Arts mit Origin Access und später EA Play, Vorläufer der Abomodelle. Sony zog 2022 mit dem überarbeiteten PlayStation Plus nach, das drei Stufen umfasst (Essential, Extra, Premium) und über 800 Spiele im Katalog bietet.
Stimmung in der Community
Die Reaktionen sind gemischt, aber die Trauer ist deutlich spürbar. Einige akzeptieren den Wandel, andere organisieren sich, um physische Releases zu unterstützen.
- Viele fürchten, dass ihre bestehende Sammlung zur Sackgasse wird.
- Die Sorge um die Spielbarkeit alter Titel in zehn Jahren wächst.
- Manche weichen auf Importe oder Limited-Run-Veröffentlichungen aus.
Das Gefühl, „von vorne anfangen“ zu müssen, beschreibt nicht nur den Verlust der Disc, es beschreibt den Verlust einer vertrauten Art, Spiele zu besitzen.
Was bleibt
Die PlayStation 5 mit Laufwerk ist noch erhältlich, doch die digitale Edition wird immer dominanter. Sony selbst setzt längst auf Abos und Download-Angebote.
- Retro-Sammler konzentrieren sich auf PS3, PS2 und ältere Generationen, dort gibt es noch echte Bestände.
- Neuerscheinungen erscheinen immer seltener auf Disc. 2024 kamen nur 18 Prozent der PS5-Titel physisch in den Handel.
- Limited Run Games und ähnliche Anbieter halten das Format künstlich am Leben. Sie produzieren Kleinstauflagen, oft unter 10.000 Exemplare, zu Preisen ab 35 Euro.
Sony hat 2021 sein letztes eigenes Presswerk in Österreich geschlossen. Die Produktion von PS5-Discs läuft seitdem über externe Auftragsfertiger. Laut Brancheninsidern wird die PS6 voraussichtlich kein Laufwerk mehr enthalten, ein interner Plan mit dem Codenamen „Discard“ soll ab 2027 umgesetzt werden. Das Ende der Disc kommt nicht über Nacht. Aber für die Sammler hat der Abschied längst begonnen.