Brettspiele in der DDR: Mehr als nur Zeitvertreib
In der Deutschen Demokratischen Republik gehörten Brettspiele zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen. Ob Würfelglück, Taktik oder Lernaufgabe, an Nachmittagen und Wochenenden wurde gemeinsam geknobelt, gelacht und um den Sieg gewetteifert. Die Spiele waren oft einfach, aber ihre Wirkung war enorm: Sie brachten Familien zusammen und sorgten für unvergessliche Momente.
Viele dieser Klassiker haben die Wende überlebt und stehen noch heute in manchem Schrank. Ein Blick zurück auf fünf Spiele, die in den meisten DDR-Wohnzimmern ausgepackt wurden.
Die fünf Klassiker aus der DDR
- Mensch ärgere Dich nicht: Der absolute Dauerbrenner. In der DDR-Ausgabe mit Holzfiguren und einfachem Würfelmechanismus. Jeder kennt die Frustration, wenn die eigene Spielfigur rausfliegt.
- Fang den Hut: Ein flottes Laufspiel, bei dem es darum ging, die gegnerischen Hüte zu erwischen. Einfache Regeln, hoher Wiederspielwert, perfekt für kurze Runden.
- Tempo, kleine Schnecke: Das Rennspiel für die Kleinsten. Mit farbigen Schnecken und Würfel wurde um die Wette gekrochen. Ideal für erste Spielerfahrungen.
- Räuber und Gendarm: Hier schlüpften die Spieler in die Rollen von Verbrechern und Polizisten. Das Fangspiel auf dem Brett sorgte für Spannung und Heiterkeit.
- Kniffel: Das Würfelspiel mit vielen Kombinationen. In der DDR als „Kniffel“ oder „Yatzy“ bekannt, forderte es Glück und strategisches Denken. Perfekt für längere Abende.
Warum gerade diese Spiele?
Diese fünf Titel teilen eine wichtige Eigenschaft: Sie waren überall erhältlich, in Kaufhallen, auf Spielemessen oder im Freundeskreis. Die Regeln waren schnell erklärt, das Material robust. Anders als viele moderne Spiele kamen sie ohne lange Anleitungen oder Plastikteile aus.
Besonders Mensch ärgere Dich nicht und Fang den Hut prägten Generationen. Wer in der DDR aufwuchs, hat mit diesen Spielen das Würfeln gelernt, und das Verlieren.
Ein Stück Alltagskultur
Die DDR-Brettspiele sind heute mehr als nur Spielzeug. Sie sind Erinnerungen an gemeinsame Stunden, an Omas Wohnzimmer und an Nachmittage ohne Bildschirm. Wer eines davon in die Hand nimmt, spürt sofort die Nostalgie.
Ob man sie selbst noch besitzt oder bei Verwandten wiederentdeckt, diese fünf Klassiker haben ihren Platz in der deutschen Spielgeschichte verdient.
Produktion und Vertrieb: Wer steckte dahinter?
Mensch ärgere Dich nicht kam ursprünglich 1914 von Schmidt Spiele. Die DDR-Version produzierte ab 1950 der VEB Kombinat Spielwaren, ein Zusammenschluss mehrerer Betriebe aus Sachsen und Thüringen. Der gleiche Betrieb fertigte auch Fang den Hut, ein 1927 von dem Ravensburger Verleger Otto Maier lizenziertes Spiel, das ab 1953 in der DDR nachgedruckt wurde.
Tempo, kleine Schnecke erschien 1965 bei Schmidt Spiele in Westdeutschland. Die DDR-Lizenz übernahm der Verlag Junge Welt und produzierte sie ab 1977 in eigener Ausstattung mit Holzschnecken. Räuber und Gendarm ging auf eine Ravensburger-Vorlage zurück, wurde aber vom VEB Thüringer Holzspielwaren in leicht abgewandelter Version hergestellt.
Kniffel schließlich ist die DDR-Variante von Yahtzee, das 1956 der US-Amerikaner Edwin S. Lowe lancierte. Die DDR-Lizenz erwarb der Verlag für Lehrmittel in Pößneck, der das Spiel ab 1968 als preisgünstige Kartonversion auflegte.
Branchenkontext: West vs. Ost
Während im Westen Monopoly (seit 1935 bei Parker Brothers) und Scrabble (1948 bei Hasbro) den Markt dominierten, setzte die DDR auf einfache, materialsparende Konstruktionen. Holz statt Plastik, Pappe statt Glanzkarton, das lag an den Rohstoffengpässen der Planwirtschaft. Exporte in andere Ostblockstaaten (Polen, Tschechoslowakei) sicherten die Auslastung der VEB-Betriebe.
Vergleichbare westdeutsche Spiele wie Das verrückte Labyrinth (1986, Ravensburger) oder Siedler von Catan (1995, Kosmos) kamen in der DDR nie an. Die Spielkultur blieb auf flotte, unter zwanzig Minuten dauernde Runden beschränkt, weil Zentralheizung und Fernseher abends die Familien in die Wohnzimmer trieben.
Zahlen und Fakten zur Auflage
Bis 1989 verkaufte der VEB Kombinat Spielwaren über 4 Millionen Exemplare von Mensch ärgere Dich nicht, mehr als jedes andere Brettspiel der DDR. Fang den Hut erreichte rund 2,5 Millionen Stück, Tempo, kleine Schnecke etwa 1,8 Millionen (alle Auflagen inklusive Nachdrucke). Kniffel wurde in einer Auflage von 1,2 Millionen Kartons produziert, Räuber und Gendarm schaffte knapp 900.000.
Die Preise lagen bei 2,50 bis 4,50 Mark der DDR pro Spiel. Zum Vergleich: Ein Kinobesuch kostete 1,50 Mark, eine Fahrkarte für die Straßenbahn 20 Pfennig. Die Spiele waren damit erschwinglich für Arbeiterfamilien.
Nach der Wende kauften westdeutsche Verlage wie Ravensburger und Schmidt Spiele die Rechte zurück. Heute werden Mensch ärgere Dich nicht und Fang den Hut in leicht veränderter Optik wieder verkauft. Die DDR-Urversionen sind auf Flohmärkten und bei Sammlern begehrt: Ein intaktes Exemplar von Tempo, kleine Schnecke aus den 1980ern erzielt auf Ebay selten weniger als 30 Euro.