Die Zeitkapsel aus Pappe
Das Öffnen einer Big Box aus den 90er Jahren offenbart den Zustand der Spieleindustrie vor der Dominanz von Steam und GOG. Unternehmen wie Origin Systems, LucasArts oder MicroProse betrachteten die Verpackung als Teil des Produkts. Die Kartons mussten im Regal neben den damals beliebten Software-Büchern auffallen.
Das Design folgte festen Standards, um in Kaufhäusern wie MediaMarkt oder Egghead Software die maximale Regalfläche zu beanspruchen. Ein Standardmaß von etwa 20 x 24 x 5 Zentimetern etablierte sich als Industriestandard.
Was in der Box steckte
Die Inhalte dienten oft als Kopierschutz oder zur Einsparung von Speicherplatz auf den teuren Disketten. Ein gedrucktes Handbuch ersetzte das heute übliche Tutorial.
- Handbücher: Bei Falcon 3.0 (1991) lag ein 300-seitiges Referenzhandbuch bei, das die Flugphysik und Avionik realer F-16-Kampfjets erläuterte.
- Karten und Beilagen: Ultima VII (1992) enthielt eine Stoffkarte von Britannia und eine metallische Münze.
- Technische Referenz: X-COM: UFO Defense (1994) lieferte eine detaillierte Übersicht der Alien-Biologie und Waffenwerte.
- Medienträger: Die aufwendigen Einlagen schützten 3,5-Zoll-Disketten oder die damals neuen CD-ROMs vor Beschädigungen.
Ikonen der Ära
Die Produktion dieser Boxen erforderte eine enge Zusammenarbeit zwischen Grafikdesignern und Software-Entwicklern.
- Doom: id Software veröffentlichte das Spiel 1993 zunächst als Shareware über Mailbox-Systeme, bevor GT Interactive die Retail-Version in den Handel brachte.
- Monkey Island: LucasArts setzte bei der Special Edition von The Secret of Monkey Island (1990) auf Humor und beigefügte „Dial-a-Pirate“-Codescheiben als Kopierschutz.
- Wing Commander: Chris Roberts entwickelte mit Origin Systems eine Serie, die 1990 mit dem ersten Teil begann und durch 4-CD-Boxen wie Wing Commander III (1994) den Trend zu Hollywood-Budgets einleitete.
- X-COM: UFO Defense: MicroProse nutzte für dieses Werk die Engine von Laser Squad, einem Spiel von Julian Gollop aus dem Jahr 1988, und erweiterte das taktische Grundkonzept massiv.
Das Ende der Haptik
Mit der Einführung von Half-Life 2 im Jahr 2004 durch Valve begann die erzwungene Bindung an Steam. Dieser Schritt zwang Käufer dazu, ihre Spiele online zu aktivieren, wodurch der Wiederverkaufswert der physischen Kopie entfiel.
Die Kosten für Transport und Lagerung der Big Boxes waren für Publisher mit bis zu 20 Prozent der Gesamtkosten eines Spiels kalkuliert. Digitale Stores eliminierten diese Logistikkosten vollständig.
Die Magie des Geruchs
Der spezifische Geruch der Boxen entsteht durch ausgasende Lösungsmittel in den Druckfarben und die chemische Zusammensetzung der Klebstoffe. Sammler lagern ihre Exemplare in lichtgeschützten Vitrinen, um das Ausbleichen der Farben durch UV-Strahlung zu verhindern.
Ein gut erhaltenes Ultima VII mit vollständigem Inhalt erreicht bei Auktionen Preise zwischen 150 und 400 Euro. Die Big Box von World of Warcraft (2004) gilt als einer der letzten großen Vertreter dieser Ära, bevor die Industrie fast vollständig auf DVD-Hüllen umstellte. Der Wert bestimmt sich heute primär durch die Vollständigkeit der beiliegenden Papierbeilagen, die bei vielen Erstbesitzern über die Jahrzehnte verloren gingen.