EndeNews Logo EndeNews
Die 10 unterbewertetsten RPGs des letzten Jahrzehnts
News

Die 10 unterbewertetsten RPGs des letzten Jahrzehnts

Zehn herausragende Rollenspiele der vergangenen zehn Jahre, die trotz starker Systeme und klarer Handschrift kaum jemand auf dem Schirm hat.

D
Dennis Adam
TEILEN: Twitter Reddit

Was “unterbewertet” im Rollenspiel-Genre wirklich heißt

Ein unterbewertetes RPG ist selten ein schlechtes Spiel. Meist landet es in einem Zeitfenster, das zwei oder drei Großproduktionen gleichzeitig belegen, und verschwindet in deren Sog. Dazu kommt ein Genre-Problem: Wer 60 Stunden in ein Regelsystem investiert, springt danach selten direkt zum nächsten Kandidaten. Die zehn Titel dieser Liste teilen ein Muster, sie setzen auf eigene Mechaniken statt auf abgewandelte Standards.

Platz 10 bis 6

  • Platz 10: Tyranny (Obsidian, 2016). Ein Rollenspiel, in dem der Böse bereits gewonnen hat und die Spielfigur als Vollstrecker eines Regimes antritt. Das Magiesystem erlaubt eigene Zaubersprüche aus kombinierbaren Kernbausteinen.
  • Platz 9: Expeditions: Viking (Logic Artists). Taktische Kämpfe, Reiseetappen über die Nordsee und ein Stammesmanagement, das Entscheidungen wirklich nachhält. Der Wikingerstoff wird hier nicht als Kulisse benutzt, sondern als Konflikt zwischen Handel, Raub und Siedlungsaufbau.
  • Platz 8: Battle Chasers: Nightwar (Airship Syndicate). Rundenkämpfe mit klarer Ressourcenökonomie, dazu die Comichandschrift von Joe Madureira. Ein Rollenspiel im Format eines klassischen Konsolen-JRPG, nur mit amerikanischer Comic-Herkunft.
  • Platz 7: CrossCode (Radical Fish Games). Ein deutsches Studio, das 2D-Actionkampf, Rätselräume und einen riesigen Skillbaum zusammenbringt. Die Spielwelt ist als MMO im Spiel selbst erzählt, was die Storylogik trägt.
  • Platz 6: Pillars of Eternity II: Deadfire (Obsidian, 2018). Der Nachfolger setzt auf Seefahrt, Fraktionspolitik und eine offene Weltkarte statt eines linearen Akts. Die Weltreaktion auf Entscheidungen aus dem Vorgänger gehört zum Umfangreichsten, was das Studio je gebaut hat.

Platz 5 bis 1

  • Platz 5: GreedFall (Spiders, 2019). Kolonialfantasie mit Fraktionsdiplomatie, in der jede Allianz eine andere verliert. Das französische Studio hat danach mit Steelrising ein ganz anderes Genre bedient.
  • Platz 4: Troubleshooter: Abandoned Children (Dandylion, 2020). Ein koreanisches Taktik-RPG mit einem Meistersystem, das an Berufsausbildung erinnert. Über 100 Stunden Spielzeit sind hier keine Übertreibung.
  • Platz 3: Chained Echoes (Matthias Linda, Deck13). Ein Ein-Mann-Projekt, das 2022 erschien und klassische JRPG-Tugenden mit einem ungewöhnlichen Überhitzungssystem im Kampf verbindet.
  • Platz 2: Crystal Project (2022). Ein Solo-Entwickler aus Japan, der komplett auf Erkundung und einen Jobwechsel nach Final-Tactics-Vorbild setzt. Es gibt praktisch keine Storyführung, dafür eine frei begehbare Welt.
  • Platz 1: Cassette Beasts (Bytten Studio, 2023). Monster sammeln mit Tauschmechanik statt Entwicklung, dazu ein Fusion-System für beliebige Paare. Der Koop-Modus ist von Anfang an mitgedacht.

Obsidian und die Frage der Wahrnehmung

Obsidian Entertainment liefert zwei Titel für diese Liste, und das ist kein Zufall. Das Studio arbeitet seit Jahrzehnten an klassischen, textsatten Rollenspielen und steht dabei häufig im Schatten seiner eigenen Auftragsarbeiten. Pillars of Eternity erschien 2015 über Crowdfunding, Tyranny nur ein Jahr später mit deutlich kleinerem Budget. Zwischen beiden Projekten liegt ein Wechsel des Vertriebs und der Produktionsgröße, der erklärt, warum Tyranny erzählerisch dichter, aber technisch schmaler wirkt.

Kleine Studios mit großen Regelsystemen

  • Harebrained Schemes hat mit der Shadowrun-Reihe gezeigt, wie viel Tiefe ein taktisches Regelwerk ohne große Budgets erreichen kann.
  • Logic Artists verband in der Expeditions-Reihe historische Settings mit Fraktionsmanagement, ein Ansatz, den sonst kaum ein Studio verfolgt.
  • Stygian Software baute Underrail über Jahre hinweg zu einem der komplexesten rundenbasierten Systeme überhaupt aus.
  • Iron Tower Studio setzte mit The Age of Decadence auf Konsequenz statt Komfort, Fehler bleiben dort dauerhaft.

Der Indie-Anteil und der Platz im Markt

Der Anteil kleiner Studios an dieser Liste ist kein Zufall. Seit Divinity: Original Sin 2 und Disco Elysium hat sich der Markt für textlastige Rollenspiele wieder geöffnet, doch die Aufmerksamkeit konzentriert sich weiter auf wenige Namen. Wer zwischen 2016 und 2023 erschien, aber nicht in diesen Kreis fiel, hatte kaum Chancen auf breite Berichterstattung. Plattformen wie Steam und der Nintendo eShop haben die Vertriebswege zwar vereinfacht, aber nicht die Sichtbarkeit gelöst.

Ports, Plattformwechsel und zweite Chancen

  • Chained Echoes und CrossCode erreichten durch spätere Konsolenfassungen ein deutlich größeres Publikum als zum Start.
  • Cassette Beasts profitierte von einer mobilen Umsetzung, die den Koop-Modus zugänglicher machte.
  • Battle Chasers: Nightwar erschien zuerst 2017 und wurde später auf mehreren Systemen nachgereicht.
  • Crystal Project blieb lange auf eine Plattform beschränkt, was die Reichweite zusätzlich begrenzte.

Was diese zehn Titel mechanisch verbindet

Alle zehn Spiele verlangen vom Spieler eine eigene Entscheidung darüber, wie er sein Team aufbaut. Tyranny lässt Zaubersprüche selbst zusammensetzen, GreedFall verteilt Punkte zwischen Talenten und Fraktionsruf, Cassette Beasts kennt kein vorgegebenes Entwicklungsschema. Das ist der eigentliche Grund für ihre geringe Reichweite: Sie erklären ihre Systeme nicht in der ersten Stunde. Wer sich die Zeit nimmt, findet Regelwerke, die noch Jahre später in Foren durchgerechnet werden.

Quelle: Polygon.com

VERWANDTE ARTIKEL