Warum die Turtles die X-Men schlagen
X-Men '97 hat die Respektwelle für X-Men: The Animated Series neu entfacht. Doch die 90er hatten einen zweiten Mutanten-Cartoon, der oft übersehen wird: die Teenage Mutant Ninja Turtles von 1987. Polygon nennt fünf Folgen, die dem Marvel-Konkurrenten in puncto Erzähltempo, Witz und Figurenzeichnung überlegen sind.
Die fünf besten Episoden
- „The Incredible Shrinking Turtles“, Die Turtles werden auf Molekülgröße geschrumpft und überleben in einer Mikrowelt. Science-Fiction trifft auf Ninja-Action, dichter als jeder X-Men-Plot der ersten Staffel.
- „Enter: The Rat King“, Splinter bekommt einen Gegner, der Ratten kontrolliert. Die Episode zeigt New Yorks Untergrund düsterer als jede X-Men-Folge je wagte.
- „Shredder’s Mom!“, Shredders Mutter taucht auf und nimmt die Turtles in Schutz. Absurd und clever, mit Humor, der bis heute in Fansubreddits zitiert wird.
- „Turtle Tracks“, Die erste Begegnung mit April O’Neil und dem Foot Clan. Baut das gesamte Franchise in 22 Minuten auf, straffer als der Pilot von X-Men: The Animated Series.
- „The Big Rip-Off“, Parodie auf Merchandising-Kultur: Die Turtles kämpfen gegen eine Firma, die ihr Image klaut. Meta-Humor, den Marvels Mutanten nur selten streiften.
Was TMNT besser macht
Die 1987er-Serie verzichtete auf überladene Dramatik und setzte auf Tempowechsel, absurdistischen Witz und klare Held-Motivationen. Jede der fünf Episoden steht allein, kein sechsteiliges Crossover nötig. Die Turtles kämpften nicht nur gegen Mutantenfeinde, sondern gegen Schuldgefühle, Geschwisterrivalität und schlechtes Kantinenessen. Das machte sie nahbarer als die Moral-Kämpfe der X-Men.
Ein Sieg für die Pizza-Mutanten
X-Men '97 mag die Nostalgie ankurbeln, aber die Mutantenschrecken von Kanal 5 haben die Nase vorn. Wer die fünf Folgen heute streamt, sieht, warum der Cartoon 1987 zum Phänomen wurde, ohne Rassismus-Metaphern oder Sentimentalität, nur mit purem, grünem Ninja-Spaß.
Produktionsgeschichte und Studio-Kontext
Die Serie wurde von Fred Wolf Films (später Fred Wolf Productions) entwickelt. Wolf hatte zuvor Werbe-Cartoons wie The Littles (1983) und Denver, the Last Dinosaur (1988) produziert, keine Megahits, aber solide Arbeit. Die Animation der ersten drei Staffeln übernahm Toei Animation (Japan), das zeitgleich Dragon Ball und Sailor Moon auslieferte. Ab Staffel 4 wechselte man zu IDDH (Irwin Entertainment), um Kosten zu senken. Die Folge: sichtbar niedrigere Bildraten, aber das Tempo der Serie blieb erhalten.
Die X-Men-Serie (1992–1997) wurde dagegen von Marvel Productions (später Saban Entertainment) in Auftrag gegeben und von Fox Kids ausgestrahlt. Sie profitierte von einem etablierten Comic-Universum und einem höheren Budget pro Episode, schätzungsweise 500.000 US-Dollar, während TMNT mit etwa 300.000 Dollar pro Folge auskam. Dennoch erreichte TMNT mit 193 Folgen in zehn Staffeln fast die doppelte Laufzeit von X-Men TAS (76 Folgen).
Zahlen, Franchise-Einfluss und Branchenkontext
Der TMNT-Cartoon startete am 28. Dezember 1987 als fünfteilige Miniserie auf dem Syndication-Markt. Der Erfolg war so groß, dass Playmates Toys innerhalb von zwei Jahren über 1,1 Milliarden US-Dollar mit Actionfiguren umsetzte, mehr als jede andere Spielzeuglinie der späten 80er. Die Serie lief bis 1996 und war damit der langlebigste Mutanten-Cartoon der Dekade.
Im Vergleich: X-Men: The Animated Series startete 1992 und endete 1997, nach fünf Staffeln. Trotz tieferer Charakterzeichnung und Comic-Adaptionen blieb ihr Merchandise-Erfolg hinter TMNT zurück, die X-Men-Spielzeuge von Toy Biz erzielten etwa 300 Millionen Dollar. Die TMNT-Serie bewies, dass ein günstiger produzierter, humorvoller Cartoon ein breiteres Publikum anziehen konnte, besonders bei Kindern unter zehn Jahren.
Die Autoren hinter den fünf Folgen
Jede der genannten Episoden stammt von erfahrenen Fernseh-Autoren. David Wise schrieb „The Incredible Shrinking Turtles“, er war zuvor für Ghostbusters (1986) und DuckTales tätig und gilt als einer der prägendsten Köpfe der TMNT-Serie. Jack Mendelsohn, der „Enter: The Rat King“ verfasste, hatte zuvor an The Simpsons (Staffel 1) und The Adventures of Rocky and Bullwinkle gearbeitet. Der Meta-Humor in „The Big Rip-Off“ stammt von Michael Reaves, der später für Batman: The Animated Series und Gargoyles schrieb. Diese Autoren brachten eine Leichtigkeit in den Cartoon, die X-Men-Serienproduzenten wie Eric Lewald und Sidney Iwanter (beide aus der Marvel-Comic-Redaktion) oft für zu albern hielten.
Einflüsse auf spätere Serien
Die TMNT-Erfolgsformel, clevere Parodie, schnelle Gags und episodische Struktur, beeinflusste spätere Cartoons wie The Tick (1994) und Ben 10 (2005). Sogar X-Men '97 übernahm in einer Folge („Mutant Liberation Begins“) einen ähnlichen Metatrick, als die Helden ihren eigenen Merchandise-Vermarkter kritisierten. Die fünf Folgen zeigen, dass der grüne Vierer den Mutanten aus Marvel nicht nur in Nostalgie-Fragen, sondern auch in erzählerischer Innovationskraft voraus war.