Der Coup des Jahres
Electronic Arts und die FIFA-Organisation beendeten 2023 ihre dreißigjährige Partnerschaft, nachdem die Lizenzgebühren für den Weltverband auf jährlich über 150 Millionen US-Dollar gestiegen waren. EA führt die Serie seitdem unter dem Namen EA Sports FC fort. Die FIFA-Organisation suchte nach Wegen, den Namen trotz des Verlusts der EA-Engine und der jahrelang gewachsenen Datenbank weiter zu verwerten.
Durch die Kooperation mit Netflix umgeht der Weltverband den klassischen Videospielmarkt. Anstatt in direkte Konkurrenz zu den hochoptimierten Konsolen-Engines von EA zu treten, platziert sich der neue Titel als leicht zugängliches Cloud-Angebot für das Massenpublikum.
Was genau steckt dahinter?
- Netflix nutzt für dieses Projekt die Cloud-Gaming-Technologie, welche das Unternehmen seit 2021 sukzessive in seine App-Struktur integriert hat.
- Entwickelt wurde die Engine von einem neu formierten Team aus ehemaligen Mitarbeitern von 2K Sports und Konami, die bereits an PES (Pro Evolution Soccer) gearbeitet haben.
- Der Zugriff erfolgt über die bestehende Netflix-Benutzeroberfläche auf Smart-TVs, Tablets und Smartphones, sofern die Hardware den Videostream dekodieren kann.
Das Spiel nutzt keine der Assets aus den alten FIFA-Teilen von EA, da diese Eigentum des bisherigen Publishers blieben. Die neuen Entwickler mussten die Spielerdatenbanken und die Physik-Engine auf Basis einer Unity-Lizenz neu aufbauen.
Die Historie der Lizenz
Das ursprüngliche FIFA International Soccer erschien 1993 für das Sega Mega Drive und begründete die Vormachtstellung von EA. In den Folgejahren sicherte sich die Serie durch die exklusive Einbindung der FIFPro-Spielerlizenzen einen Vorteil gegenüber Konkurrenten wie Sensible Soccer oder Actua Soccer.
Die Zusammenarbeit mit Netflix markiert die erste Phase seit 1993, in der die Marke FIFA ohne die technische Infrastruktur von EA Sports erscheint. Frühere Versuche anderer Publisher, die FIFA-Lizenz für kleinere Projekte zu nutzen, wie etwa bei FIFA Street oder den World Cup-Ablegern, blieben meist auf eine Plattform begrenzt.
Branchenkontext und Technik
Der Markt für Fußballsimulationen wird seit Jahren von EA Sports FC und dem als Free-to-Play-Titel neu ausgerichteten eFootball von Konami dominiert. Netflix investiert bisher gezielt in Indie-Titel wie Oxenfree oder Twelve Minutes, um die Verweildauer der Abonnenten zu erhöhen.
Cloud-Gaming verlangt eine Latenzzeit von unter 50 Millisekunden für ein reaktionsschnelles Spielgefühl. Bei einem sportbasierten Titel wie FIFA führen höhere Werte zu einer spürbaren Verzögerung zwischen Tastendruck und Spielerausführung.
- Cloud-Latenz: Die Übertragung der Eingabebefehle via Internet bildet das größte Hindernis für ein flüssiges Spielerlebnis.
- Server-Infrastruktur: Netflix greift hierbei auf die bestehenden Rechenzentren von AWS (Amazon Web Services) zurück.
- Wettbewerb: Im Gegensatz zu EA Sports FC verzichtet das neue Spiel auf ein komplexes Ultimate Team-Modell mit mikrotransaktionsbasierten Kartenpaketen.
Ein Schritt mit Risiko
Die FIFA-Organisation verzichtet bei diesem Release auf die hohen Verkaufszahlen eines physischen Vollpreistitels. Stattdessen setzt das Modell auf die Bindung der 270 Millionen Netflix-Abonnenten, die innerhalb der Anwendung durch den Titel konvertiert werden sollen.
Die technische Hürde bleibt die Abhängigkeit von der Internetqualität des Nutzers. Während Konsolenspiele lokale Rechenleistung verwenden, ist die neue FIFA-Version bei jedem Spielzug von der Stabilität der Datenpakete zum Netflix-Server abhängig.
Die Bilanz des ersten Quartals nach der Veröffentlichung wird zeigen, ob Gelegenheitsspieler den reinen Streaming-Ansatz gegenüber der lokalen Performance eines Konsolen-Titels bevorzugen. Das Spiel ist ab sofort in ausgewählten Regionen für Nutzer mit einem aktiven Netflix-Standard-Abo verfügbar.