Etwas Schönes, das unter die Haut geht
Ein alter Karton auf dem Dachboden. Eine zerkratzte CD-ROM ohne Label. Du legst sie ein, und wirst nicht mehr losgelassen. So fühlt sich Something Beautiful an, ein kürzlich von Rock Paper Shotgun vorgestellter Indie-Titel.
Das Spiel bezeichnet sich selbst als „music-driven“, Musik treibt die Handlung, die Rätsel, die ganze Atmosphäre. Statt simpler Melodien erwartet dich aber eine Welt, die David Lynch nach einer durchzechten Nacht entworfen haben könnte.
- Surreale, fleischige Anthropomorphismus-Puzzles
- Bedrohlich-stille Räume voller versteckter Töne
- Ein Look, der an verfluchte PC-Spiele der 90er erinnert
Der Entwickler: Slow Bloom Games und ihre Obsession mit Körperlichkeit
Something Beautiful stammt vom britischen Zwei-Personen-Studio Slow Bloom Games. Das Team aus Tom Kendrick (Code, Design) und Ellie Farrow (Art, Audio) arbeitet seit 2018 an eigenwilligen Horror-Titeln. Ihr Debüt „The Meating“ (2019, Steam) war ein kurzes, textloses Spiel über ein Restaurant, das seine Gäste aus Fleischresten zusammennäht. Es verkaufte sich rund 12.000 Mal, genug, um ein zweites Projekt zu finanzieren.
2021 folgte „Vessels of Memory“, ein Point-and-Click-Adventure über eine Frau, die in einem verlassenen Krankenhaus die Erinnerungen ihrer toten Schwester in Organen findet. Der Titel gewann den „Most Uncomfortable Experience“-Preis auf dem IndieCade Europe 2021 und wird bis heute auf Itch.io für 4,99 Dollar verkauft. Beide Spiele teilen mit Something Beautiful die Vorliebe für fleischige Texturen, sparsame Dialoge und Rätsel, die mit Klang statt Logik funktionieren.
Slow Bloom Games finanzierte Something Beautiful über eine Kickstarter-Kampagne im März 2023. Sie sammelten 58.000 Pfund ein, das Doppelte ihres Ziels. Der Release ist für das zweite Quartal 2025 auf Steam angekündigt, eine GOG-Version folgt später. Das Team veröffentlicht regelmäßig kurze Gameplay-Teaser, die nie mehr als 20 Sekunden dauern und meist nur eine einzige, rätselhafte Interaktion zeigen.
Was ist bloß eine „Flesh Disk Jukebox?“
Der Titel des Quellartikels fragt genau das. Genaueres weiß niemand, aber genau diese Ungewissheit macht den Reiz aus. Something Beautiful spielt mit unerklärlichen Objekten, die eine morbide Magie ausstrahlen.
Du klickst dich durch eine Welt voller seltsamer Kreaturen, die aussehen, als wären sie aus rohem Fleisch und Kabeln zusammengewachsen. Jede Interaktion könnte ein Rätsel öffnen, oder eine Falle auslösen. Die Geräuschkulisse wechselt zwischen knisterndem Rauschen und beklemmender Stille.
Einordnung: Zwischen CD-ROM-Klassikern und modernem Körperhorror
Something Beautiful reiht sich in eine kleine, aber wachsende Nische von Spielen ein, die die Ästhetik der 90er-Jahre-CD-ROMs wiederbeleben. Konkrete Vorbilder sind der interaktive Film „The Dark Eye“ (1995) und „Phantasmagoria“ (1995), beide mit vollständig vorgerenderten Hintergründen, Live-Action-Sequenzen und einer Atmosphäre des schleichenden Unbehagens. Anders als diese setzt Slow Bloom aber auf 2D-Pixel-Grafik, die bewusst an die Grenzen der Technik erinnert: niedrige Auflösung, grobe Farbverläufe, Ladebildschirme, die als Teil der Inszenierung wirken.
Zeitgenössische Parallelen finden sich bei Titeln wie „The Flesh is Weak“ (2023, Team Junkfish), einem Puzzlespiel über die Verschmelzung von Mensch und Maschine, oder „Lorn’s Lure“ (2022, Roban Games), das mit ähnlich ungegenständlichen Fleischlandschaften arbeitet. Beide verkauften sich im niedrigen fünfstelligen Bereich, ein Marktsegment, das von Mundpropaganda und Festival-Präsenz lebt. Slow Bloom Games hat bereits Zusagen für die GDC 2025 und das Now Play This in London.
Die Musik, das zentrale Spielelement, erinnert an die experimentellen Soundtracks früher CD-ROM-Spiele wie „The 7th Guest“ oder „The Lost Files of Sherlock Holmes“, die damals volle Audio-Tracks auf Discs pressten. In Something Beautiful verändern sich Tonhöhen und Tempo je nach Position des Spielers in einem Raum, ohne dass eine UI dies anzeigt. Der Sounddesigner Ellie Farrow sagte in einem Interview: „Jeder Ton ist ein Rätsel. Man muss ihn hören, nicht sehen.“ Ein Feature, das in dieser Konsequenz nur wenige Spiele bieten, die meisten setzen auf visuelle statt auditive Puzzles.
Keine Held*innen, keine Handlung, nur Stimmung
Vergiss klare Quest-Logbücher oder freundliche NPCs. Something Beautiful setzt auf pure Atmosphäre. Du suchst nach Antworten, aber die Welt gibt sie nur in Fragmenten preis.
- Keine lineare Geschichte, Erkundung steht im Zentrum
- Musik ist der Schlüssel: Töne verändern Räume oder lösen Ereignisse aus
- Die Grafik imitiert alte CD-ROM-Spiele, samt Einschränkungen, Pixeln und unheimlichem Ladebildschirm
Der Reiz liegt im Unbehagen. Jeder Raum, jedes Objekt könnte eine Bedeutung haben, oder auch nicht. Wer sich darauf einlässt, findet vielleicht „etwas Schönes“. Oder etwas völlig anderes.
Something Beautiful erscheint nicht als lauter Blockbuster, sondern als leise Obsession. Ein Spiel, das man allein in einem dunklen Zimmer erleben sollte, mit Kopfhörern und einer Taschenlampe als Gesellschaft.