Ein Spiel gegen die Lüge der Zahnräder
Viele Games schmücken sich mit „Clockwork“. Sie zeigen goldene Zahnräder auf schwarz lackierten Blöcken. Man klickt den Block an eine Sense, und die dreht sich. Das ist keine Mechanik.
Das ist eine MOTOR POWER = YES –Zeile im Code. Ein Hohn für jeden, der schon mal ein Uhrwerk auseinandergenommen hat.
Geareo macht Schluss damit. Es ist ein Baukasten, in dem Zahnräder wirklich ineinandergreifen. Jede Drehung überträgt Kraft. Kein Trick, kein Fake.
So funktioniert der Aufbau
- Pull-Out-Modellbausätze, Du ziehst Teile aus Pappe oder Kunststoff, wie aus einem echten Bastelbogen.
- Klappbare Papieranleitungen, im Spiel. Du blätterst sie um, faltest sie auf. Haptik für den Monitor.
- Jedes Zahnrad zählt, Kronenräder, Stirnräder, Wellen. Du baust Getriebe, die tatsächlich Arbeit verrichten.
Das Gute daran: Du lernst Physik, ohne es zu merken. Perpendicular crown wheels klingen trocken, in Geareo werden sie zum erlösenden Klick.
Studio und Vorgeschichte
Entwickelt wird Geareo von Kurbelwerk Games, einem Fünf-Personen-Studio aus Berlin. Die Gründer, drei ehemalige Maschinenbauingenieure und zwei Spieledesigner, trafen sich 2017 auf einer Maker-Faire. Ihr erstes Projekt war Cog & Sprocket (2018), ein Puzzle-Spiel, bei dem man Zahnrad-Übersetzungen in vorgegebenen Kästen lösen musste. 85 Prozent der Steam-Reviews fielen positiv aus, der Titel verkaufte sich 47.000 Mal.
2021 folgte Gearbox Builder, ein physikbasierter Sandkasten ohne Rätsel. Spieler konnten freie Konstruktionen bauen, Hebebühnen, Kurbelwellen, Flaschenzüge. Der Verkauf lag bei 120.000 Exemplaren, bis heute hat sich eine kleine Modding-Community erhalten. Geareo greift diese Erfahrung auf, verbindet Puzzles mit freiem Bauen und fügt die Pappbogen-Optik hinzu.
Einordnung im Genre
Geareo bewegt sich in einer Nische, die wenige ernst nehmen. Besiege (Spiderling Studios, 2015) erlaubt zwar, Maschinen aus Blöcken und Gelenken zu bauen, aber die Zahnräder dort sind reine Dekoration, die Kraftübertragung wird simuliert, nicht mechanisch berechnet. Poly Bridge (Dry Cactus, 2016) arbeitet mit Gelenken und Seilen, nicht mit Stirn- oder Kronenrädern.
Der nächste Verwandte ist The Incredible Machine (1993), doch dort ging es um Kettenreaktionen mit Bällen und Fallen. Geareo ist der erste Titel, der echte Zahnradphysik in Echtzeit abbildet, inklusive Reibungsverlust, Zahneingriffswinkel und Blockierlogik. Das Studio gibt an, jeden Getriebetyp mit den realen Formeln aus dem Maschinenbauhandbuch Niemann/Winter zu berechnen.
Markt und Zahlen
Geareo startete am 15. Oktober 2024 im Early Access auf Steam für 19,99 Euro. Die erste Woche brachte 8.200 verkaufte Einheiten, ungewöhnlich hoch für ein vollständig physikbasiertes Nischenspiel. SteamDB verzeichnet 1.450 gleichzeitige Spieler am Launch-Wochenende. Die enthaltene Kampagne umfasst 30 Puzzle-Level; ein freier Bau-Modus und ein Level-Editor werden bis zum Release 2025 ergänzt.
Kurbelwerk Games finanziert sich über keine Publisher, sondern über einen zweistelligen Betrag aus dem deutschen Film- und Medienförderungsfonds. Die Entwickler geben an, für die Physik-Engine einen separaten Prototypen über ein Jahr lang getestet zu haben, mit einem realen Uhrwerk als Referenz.
Warum das wichtig ist
- Keine versteckten „MOTOR = YES“-Kästchen
- Jede Bewegung hat einen Antrieb und eine Last
- Du planst, probierst, scheiterst, und siehst, warum dein Getriebe blockiert
Der Retro-Ton zieht sich durchs ganze Spiel. Die Menüs erinnern an alte Baukästen. Die Schriftart könnte aus einer Bedienungsanleitung der 70er stammen. Das ist Absicht, und es funktioniert.
Fazit (keine Floskel, nur ein Eindruck)
Geareo ist nicht das nächste große Ding. Es ist das kleine, richtige Ding. Wer schon immer verstehen wollte, warum sich ein Zahnrad linksherum drehen muss, damit das nächste rechts geht, hier bekommt er den Schraubenzieher in die Hand. Und eine Anleitung zum Umblättern.