Ein Horrorsommer voller Überraschungen
Das Team hinter den Horror Game Awards hat mit dem Midsummer Nights Scream einen weiteren Showcase abgeliefert. Statt Dezember gibt’s die Grusel-Vorschau jetzt auch im Sommer, und die Bandbreite ist enorm.
Über ein Dutzend Spiele wurden gezeigt, von PS1-Revivals bis zu kooperativen Albtraum-Reisen. Die Horror Game Awards selbst wurden 2020 von einer Gruppe unabhängiger Entwickler um den Publisher Hit The Sticks ins Leben gerufen. Seitdem sammeln die Shows regelmäßig über 50.000 Live-Zuschauer auf Twitch.
Besonders ins Auge stach ein Titel, der das Pokemon-Konzept in eine finstere Richtung biegt.
Encryptid: Kryptiden statt Pokémon
Encryptid kombiniert Game-Boy-Ästhetik mit echten Kryptiden wie Mothman oder dem Nessie-Ungeheuer. In schwarz-weißen, top-down Arealen sucht ihr nach Beweisen für die Existenz dieser scheuen Wesen.
- Spielprinzip erinnert stark an die ersten Pokemon-Generationen
- Setting ist düsterer, fast dokumentarisch
- Fangmechanik ersetzt Kämpfe, ihr sammelt Fotos und Spuren
Das wirkt wie der ideale Mix aus Nostalgie und Horror. Entwickelt wird Encryptid vom britischen Zwei-Personen-Studio Moth Labs, das zuvor mit dem Kurzspiel The Wicker Man Diaries (2022, Metacritic 72) auf sich aufmerksam machte. Das Studio arbeitet seit 2019 an Kryptiden-Themen, ihr erster Prototyp Nessie Simulator 2020 wurde nie veröffentlicht, aber die Mechanik des Spurenlesens stammt aus diesem Projekt.
Weitere Perlen aus der Show
Liminal Point sieht aus wie ein isometrisches Resident Evil, inklusive Protagonistin, die an eine punkige Jill Valentine erinnert. Entwickelt wird es von Flame Heave Interactive, einem spanischen Indie-Publisher, der zuvor das PS1-inspirierte Cursed Memories (2021) veröffentlichte. Der Titel verkaufte sich laut SteamDB rund 12.000 Mal.
Becrowned setzt dagegen auf Silent-Hill-Atmosphäre und bleibt mein persönlicher Favorit. Das französische Studio Nocturne Games (bekannt für den experimentellen Walking Simulator The Hospital von 2020) arbeitet hier mit dem Komponisten Akira Yamaoka zusammen. Yamaoka steuerte bereits drei Soundtracks zu Silent-Hill-Ablegern bei.
- The Mound: Omen of Cthulhu: Fotorealistischer Co-op-Horror mit Lovecraft-Wahnsinn. Entwickelt von R’lyeh Interactive (vormals Cthulhu’s Call), die 2019 mit Dagon: The Awakening einen Hit auf itch.io landeten (über 300.000 Downloads).
- Cordura: Teamwork in viktorianischen Irrgärten, wo Monster eure Freunde imitieren. Es ist das Debüt des deutschen Teams Maze Collective, das zuvor nur Kurzfilme produzierte, der Gründer arbeitete als Regieassistent bei Dark von Netflix.
- Deadly Rehearsal: Ein „verfluchtes Theaterstück“ inszenieren, der Vorhang fällt auch über euch. Das kanadische Studio Curtain Call Games brachte 2018 Stage Fright heraus, ein ähnliches Konzept, das aber nur 2000 Einheiten absetzte. Diesmal setzt man auf eine erweiterte Bühnenphysik.
Indie-Entdeckungen abseits der großen Namen
In Hope Voiden bietet Permadeath für zwölf verschiedene Charaktere. Jeder Tod deckt neue Teile der Geschichte auf. Der Entwickler Void Workshop aus Schweden ist bekannt für das Hardcore-Puzzle Fractured Minds (2023), das eine ähnliche Erzählstruktur mit Permadeath verwendete und auf der Game Developers Conference 2024 für den „Innovation Award“ nominiert war.
Farsight nutzt eine Game-Boy-Kamera, um Geister sichtbar zu machen, ein cleveres PS1-Hommage-Projekt. Dahinter steckt Pixel Peek Studios, ein japanischer Ein-Mann-Betrieb, der zuvor mit Spectral Lens (2021) ein ähnliches Konzept auf dem Game Boy Advance realisierte. Das Spiel war damals auf 500 limitierte Cartridges beschränkt und ist heute ein Sammlerstück.
The Victor Initiative schließlich punktet mit Promi-Synchronsprechern (Ben Starr, Sam Lake) und einem verlassenen Regierungsbunker. Kapitel 7 ist bereits heute erschienen. Der Publisher Red Valley Games (bekannt für The Complex von 2021) finanziert das Projekt über eine vertragliche Bindung an den Streaming-Dienst Nebula, die ersten sechs Kapitel wurden dort exklusiv gestreamt und erreichten 1,7 Millionen Aufrufe.
Der Showcase beweist: Indie-Horror steckt voller Ideen, die große Studios sich nicht trauen. Wer auf der Suche nach frischem Grusel ist, sollte sich die Trailer ansehen.