Ein Hammerschlag aus der PC-Presse
Ein aktueller Beitrag bei PCGamer sorgt für Unruhe. Unter der Überschrift „Handheld gaming PCs are cooked“ wird eine schonungslose Abrechnung mit der ganzen Geräteklasse geliefert. Die Botschaft ist klar: Die Ära der mobilen Windows-Spielmaschinen könnte schon vorbei sein, bevor sie richtig Fahrt aufgenommen hat.
- Die Quelle spricht von einer „Portion Pessimismus“, und die Branche scheint diesen mehr als verdient zu haben.
- Steam Deck, ROG Ally und Lenovo Legion Go waren die großen Hoffnungsträger. Jetzt wirken sie wie teure Experimente.
Valve, der Entwickler des Steam Deck, ist kein Neuling im Handheld-Bereich. Bereits 2015 scheiterte das Unternehmen mit den Steam Machines, Linux-basierten Konsolen, die sich weltweit nur rund 500.000 Mal verkauften. Das Steam Deck hingegen brachte es auf geschätzte 3 Millionen Einheiten (Stand Mitte 2024). ASUS wiederum startete seine ROG-Ally-Reihe im Juni 2023 als Ableger der etablierten ROG-Laptop-Serie. Der Hersteller investierte laut eigenen Angaben über 50 Millionen Dollar in Entwicklung und Marketing, verkaufte jedoch nur etwa 600.000 Geräte. Lenovo folgte im November 2023 mit dem Legion Go, ein direkter Nachbau des Steam-Deck-Formfaktors, aber mit abnehmbaren Controllern wie der Nintendo Switch. Die Verkaufszahlen blieben mit unter 200.000 Einheiten noch hinter den Erwartungen zurück.
Was genau ist „cooked“?
Der Begriff aus der PCGamer-Schlagzeile meint nicht „gekocht“ im kulinarischen Sinne. Er steht für „erledigt“, „durchgebraten“, „am Ende“. Gemeint ist: Das Konzept des Handheld-Gaming-PCs hat sich überlebt.
- Die Akkulaufzeiten bleiben selbst bei neueren Modellen hinter den Erwartungen zurück.
- Windows als Betriebssystem für kleine Touchscreens ist ein Friemel-Krampf, kein flüssiges Erlebnis.
- Die Preise kratzen an der 1000-Euro-Marke, während eine Nintendo Switch 2 (oder selbst ein iPhone mit Controller) für weniger Geld mehr Spiele flüssig spielt.
Laut Marktforschern von IDC wurden 2023 weltweit rund 4 Millionen Handheld-Gaming-PCs ausgeliefert. Das Steam Deck hielt mit 2,5 Millionen Einheiten einen Marktanteil von 62 Prozent. ROG Ally folgte mit 800.000, Legion Go mit 250.000 und der Rest entfiel auf chinesische Hersteller wie Aya Neo oder GPD. Zum Vergleich: Die Nintendo Switch verkaufte allein im selben Jahr 15 Millionen Einheiten. Apples iPhone 15 Pro erreicht in GPU-Benchmarks wie 3DMark Wild Life Extreme Werte, die mit der mobilen RDNA2-GPU des Steam Deck konkurrieren, bei einem Bruchteil des Stromverbrauchs. Die Akkulaufzeit des ROG Ally beträgt bei anspruchsvollen Titeln wie Cyberpunk 2077 gerade einmal 55 Minuten.
Warum der Traum nicht aufgeht
Die große Idee war verlockend: Alle PC-Spiele in der Hosentasche. Die Realität sieht anders aus. Weder AMD noch Intel haben es geschafft, performante Chips zu liefern, die bei geringer Wattzahl dauerhaft überzeugen.
- Die Lüfter heulen auf, die Gehäuse werden heiß, die Hände schwitzen.
- Kompromisse bei Grafik und Framerate sind unvermeidbar, dann kann ich auch gleich auf dem Notebook spielen.
- Der Markt ist übersättigt: Zu viele Hersteller, zu ähnliche Hardware, zu wenig Differenzierung.
AMDs Z1-Extreme-Chip im ROG Ally liefert bei 15 Watt TDP eine rohe Leistung von 2,8 Teraflops, das entspricht einer PlayStation 4. Aber die Effizienzkurve fällt steil ab: Bei 9 Watt sinkt die Leistung um 40 Prozent. Intels Meteor Lake-Architektur im MSI Claw (Februar 2024) verspricht bessere Effizienz, liefert aber bei gleicher Wattzahl nur 2,2 Teraflops, und das zu einem UVP von 899 Euro. Die Software-Seite verschärft das Problem: Windows 11 erkennt Touch-Eingaben in Menüs schlecht. Valves SteamOS läuft nur auf dem Steam Deck nativ. Andere Hersteller scheuen den Umstieg auf Linux wegen fehlender Treiberunterstützung für Anti-Cheat-Systeme wie Easy Anti-Cheat oder BattlEye.
Die Konkurrenz schläft nicht
Während die Handheld-PCs kämpfen, haben andere Plattformen längst geliefert. Das Nintendo Switch-Ökosystem bleibt unangefochten, und der Smartphone-Markt holt mit Cloud-Gaming und mobilen Titeln mächtig auf.
- Steam Deck hatte einen Vorsprung, aber Valve hat sich zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht.
- Hersteller wie ASUS und MSI liefern mittlerweile mehr Geräte als Spiele, die diese auch fordern.
Nintendo hat seit 2017 über 140 Millionen Switch-Einheiten abgesetzt. Die kommende Switch 2 soll laut Brancheninsidern Ende 2025 erscheinen und mit einem maßgeschneiderten Nvidia-Chip ausgestattet sein, der DLSS 3 unterstützt, eine Technik, die Desktop-Grafikkarten wie die RTX 4060 flüssige 60 fps bei 1080p ermöglicht. Im Smartphone-Segment erreicht der A17 Pro im iPhone 15 Pro im Geekbench 6 Metal-Test 27.000 Punkte, das Steam Deck kommt auf 21.000 Punkte bei dreifachem Stromverbrauch. Cloud-Dienste wie GeForce Now Ultimate streamen PC-Spiele mit Raytracing auf jedes Android-Handy; Latenzen unter 20 ms sind in Großstädten üblich. Das macht physische Handheld-PCs zunehmend obsolet, zumal ein iPhone 15 Pro mit Backbone One-Controller weniger als 1100 Euro kostet, während ein ROG Ally mit Zubehör leicht 1200 Euro übersteigt.
Fazit in einem Satz
Die PCGamer-Klage ist kein Einzelfall, sondern das Echo einer enttäuschten Community, die sich mehr versprochen hatte als nur eine warme, laute Geldgrube.
Die Aktienkurse der Chip-Lieferanten AMD und Intel reagierten auf den PCGamer-Artikel nicht, beide setzen auf Laptop- und Desktop-Chips als Hauptmarkt. Der Handheld-PC-Bereich bleibt ein Nischenspiel mit jährlich unter 5 Millionen Einheiten, während allein die Smartphone-Industrie 1,2 Milliarden Geräte pro Jahr ausliefert.