Keine Entspannung am Horizont
Kotaku zitiert einen Branchenveteranen mit einer düsteren Prognose: Gaming-Hardware werde auf absehbare Zeit nicht billiger. Der Ausspruch „It‘s the most hold-on-to-your-butts moment I‘ve seen in 20 years“ macht die Runde. Selbst 20-Jahre-Veteranen zeigen sich ratlos, eine Seltenheit in einer Industrie, die sonst gerne mit Roadmaps und Quartalsprognosen glänzt.
Das zweite Zitat aus dem Bericht ist noch direkter: „Anyone that says they know what happens next is either lying to themselves or trying to sell something.“ Keine vagen Versprechungen, keine beschönigenden Charts. Die Branche gesteht ein, im Blindflug zu sein.
- Lieferkettenprobleme? Nicht allein.
- Hohe Nachfrage? Auch nicht die ganze Wahrheit.
- Neue Fertigungsverfahren? Zu teuer, zu langsam.
Die Kombination aus geopolitischen Spannungen, Chipkonsolidierung und explodierenden Energiekosten sorgt für eine Gemengelage, die selbst erfahrene Analysten nicht entschlüsseln können.
Die Spur der Preise: Ein Rückblick
Wer den aktuellen Markt verstehen will, muss sich die letzten Jahre ansehen. Der GPU-Crash um 2018/19 war eine krasse Korrektur: Nach dem Mining-Boom 2017 stürzten die Preise für gebrauchte Karten ein. Eine GTX 1080 Ti kostete zeitweise unter 400 Euro. Heute liegt eine gebrauchte RTX 3080 oft noch über 500 Euro, bei einem UVP von 699 Euro im Jahr 2020.
Die PlayStation 5 startete 2020 für 499 Euro. Vier Jahre später ist der Preis unverändert, Rabatte sind selten. Im Vergleich: Die PS4 fiel innerhalb von zwei Jahren nach Launch auf 349 Euro (UVP 399 Euro). Die Xbox Series X hält ebenfalls ihren Launchpreis von 499 Euro. Inflation und Chipkosten haben die übliche Preissenkungskurve abgewürgt.
Nvidias RTX 4090 startete bei 1.949 Euro, das teuerste Consumer-Modell der Firmengeschichte. AMDs RX 7900 XTX liegt bei 1.099 Euro, ebenfalls ein Rekord. Diese Zahlen zeigen: Die Preisschraube dreht sich seit der Ampere-Generation kontinuierlich nach oben.
TSMC, Kriege und KI: Die wahren Kostentreiber
Der Engpass liegt nicht nur in der Pandemie. TSMC, der Auftragsfertiger für Nvidia, AMD und Apple, hat die Wafer-Preise seit 2021 um geschätzte 30 Prozent erhöht. Die 5-nm-Fertigung kostet pro Wafer etwa 16.000 US-Dollar, fast doppelt so viel wie die ältere 12-nm-Technologie. Jeder Schritt in kleinere Strukturen verteuert die Chips.
Hinzu kommt der KI-Boom. Nvidia verkauft seine H100-Beschleuniger für über 30.000 US-Dollar an Rechenzentren. Diese Chips belegen dieselben Fertigungskapazitäten wie Consumer-GPUs. TSMC kann nicht schnell genug neue Fabriken bauen, eine neue Anlage in Arizona wird frühestens 2026 volle Produktion liefern.
Geopolitische Risiken: Taiwan, Sitz von TSMC, bleibt ein Zankapfel zwischen China und den USA. Jede Eskalation könnte die gesamte Halbleiterproduktion lahmlegen. Hersteller horten Lagerbestände, was die Preise zusätzlich treibt.
Konsolen und GPUs: Wo stehen wir heute?
Die aktuellen UVP sind faktisch fix. Eine RTX 4070 Super (599 Euro) kostet mehr als eine RTX 3070 zum Launch bei 499 Euro. Die PS5 Pro wird laut Gerüchten bei 600 Euro oder mehr starten, Sony hat noch keinen Preis genannt, aber die Tendenz ist klar.
- Nvidia RTX 40-Serie: Ab 329 Euro (RTX 4060) bis 1.949 Euro (RTX 4090). Kaum Rabatte.
- AMD RX 7000-Serie: Ab 269 Euro (RX 7600) bis 1.099 Euro (RX 7900 XTX). Leichte Preisnachlässe nach Monaten.
- Intel Arc A-Serie: Versuchte mit aggressiven Preisen (z.B. A750 für 249 Euro) zu punkten, doch die Leistung und Treiberqualität blieben hinter Konkurrenz zurück.
Der Gebrauchtmarkt bleibt heiß. Eine RTX 3060 Ti wird oft noch für 250–300 Euro gehandelt, nur 30 Prozent unter dem Launchpreis von 399 Euro. Normal wären nach drei Jahren 50 Prozent oder mehr.
Was bleibt? Der Markt dreht sich
Wer noch eine RTX 3000 oder RX 6000 besitzt, sollte sie gut pflegen. Der Gebrauchtmarkt für Konsolen und GPUs ist angespannt: Eine gebrauchte PS5 kostet immer noch 350–400 Euro. Retro-Konsolen erleben einen zweiten Frühling, aber auch deren Preise steigen. Eine GameCube mit Zubehör geht für 150 Euro weg, doppelt so viel wie vor fünf Jahren.
Kein Hersteller traut sich, konkrete Preissenkungen anzukündigen. Und diejenigen, die es tun, „wollen dir etwas verkaufen“. Einziger Lichtblick: Intels kommende Arc Battlemage-Serie könnte günstiger positioniert sein, falls Intel die Lieferkette stabilisiert.
Ein historischer Moment
Wir erleben gerade eine Phase, die es so noch nicht gab, zumindest nicht im digitalen Zeitalter. Der letzte vergleichbare Schock war der GPU-Crash um 2018/19, aber selbst der war harmloser. Damals fielen die Preise nach dem Mining-Crash um 40 Prozent innerhalb von sechs Monaten. Heute steigen sie trotz Nachfragerückgang.
Die Devise lautet: Nichts überstürzen, nichts glauben, was zu gut klingt. Und den Gürtel enger schnallen. Laut Jon Peddie Research lagen die durchschnittlichen GPU-Verkaufspreise im Q1 2024 um 14 Prozent höher als im Vorjahr, bei sinkenden Stückzahlen. Kein Hersteller hat ein Interesse an günstiger Hardware, solange die KI-Käufe die Kassen füllen.