Ein Schock für die Ego-Shooter-Legende
George Broussard, Mitschöpfer von Duke Nukem 3D und Mitgründer von 3D Realms, hat kein Blatt vor den Mund genommen. In einer Stellungnahme zu den aktuellen Einschnitten bei id Software sagt er: Der Entwickler von Doom und Quake sei „im Wesentlichen tot“. Grund sind Berichte, dass fast die Hälfte der Belegschaft entlassen wurde. Laut Bloomberg und Kotaku verlor das Studio im Februar 2025 rund 150 von zuvor 350 Mitarbeitern, ein harter Schlag für ein Haus, das mit Doom (1993) die erste Person-Perspektive zum Genre-Standard machte.
Broussard, selbst Veteran der Konsolidierungs-Welle der 2000er, sieht das Problem bei Microsoft. Der Konzern sammle sich „anständige PR dafür, einer der Guten zu sein“, indem er Studios nicht komplett schließt. Doch die Realität sehe anders aus: Statt das legendäre Team zu erhalten, werde es systematisch ausgezehrt.
Vom Kellerstudio zum Genre-Giganten
id Software wurde 1991 von John Carmack, John Romero, Tom Hall und Adrian Carmack gegründet. Ihr erster Titel Commander Keen (1990) war ein Side-Scroller, aber mit Wolfenstein 3D (1992) legten sie den Grundstein für den Ego-Shooter. Doom (1993) verkaufte sich über 10 Millionen Mal und etablierte Multiplayer-Modi, Modding über WAD-Dateien und eine lizenzierte Engine. Quake (1996) brachte vollständige 3D-Grafik und Online-Matches.
Das Studio war stets technisch führend: Die id Tech-Engine trieb später Call of Duty, Half-Life und unzählige andere an. Doom (2016) und Doom Eternal (2020) bewiesen, dass das Team noch immer AAA-Qualität liefern konnte, Doom Eternal verkaufte sich über 10 Millionen Mal und gewann mehrere Game Awards. Doch die personellen Adern sind nun durchtrennt.
Microsofts „Gutmenschen“-Kurs unter der Lupe
- Statt Studios dichtzumachen, lässt Microsoft sie langsam ausbluten.
- „id Software ist ein Schatten seiner selbst“, so Broussard sinngemäß. Die verbliebenen Teams kämpfen mit massiv geschrumpften Kapazitäten.
- Der Schritt passt in ein Muster: Auch bei 343 Industries (Halo, 2023: 40% Entlassungen), Arkane Austin (geschlossen Mai 2024) und Tango Gameworks (geschlossen, dann von Krafton übernommen) gab es tiefe Einschnitte, nach der Übernahme von Activision Blizzard (68,7 Milliarden Dollar, Oktober 2023).
Microsoft selbst hat die genauen Zahlen nie bestätigt, doch interne Quellen und Branchenkenner zeichnen ein düsteres Bild. Im Januar 2025 entließ der Konzern 1900 Mitarbeiter in der Gaming-Sparte, vor allem bei Activision, Blizzard und Xbox Publishing. Für ein Studio, das einst mit Doom den Ego-Shooter definierte und mit Doom Eternal noch Maßstäbe setzte, ist das ein Absturz mit Ansage.
Der Preis der Konsolidierung
Die Entlassungen bei id Software sind kein Einzelfall, sondern Teil eines Branchentrends. Seit 2022 haben alle großen Publisher (Microsoft, Sony, Electronic Arts, Take-Two) über 30.000 Stellen gestrichen. Bungie verlor 2023 100 Mitarbeiter, BioWare wurde nach Mass Effect: Andromeda auf ein Support-Team zusammengestrichen. Die Logik dahinter: Publisher bevorzugen risikoarme Projekte und passen Kostenstrukturen an.
id Software war bis zur Übernahme durch Zenimax Media (2009) unabhängig und profitabel. Unter Microsoft (seit 2021 für 7,5 Milliarden Dollar) wurde das Studio in die Xbox Game Studios eingegliedert, aber nie als Budget-Einheit behandelt. Der aktuelle Sparkurs trifft genau die jahrzehntelange Erfahrung, die Spiele wie Rage (2011) und Doom erst möglich machte.
Was bleibt von id Software?
Die Frage ist nicht mehr, ob id Tech-Engine oder ein neues Doom kommt, sondern ob das Studio überhaupt noch die Kapazität für AAA-Entwicklung hat. Derzeit arbeiten die Restteams wohl an Unterstützung für andere Microsoft-Projekte. Brancheninsider berichten, dass die verbliebenen 200 Mitarbeiter vor allem Multiplayer-Inhalte für Doom Eternal und Optimierungen für Game Pass liefern.
- Broussard bringt es auf den Punkt: „Man kann Leute nicht ersetzen, die seit Jahrzehnten wissen, wie man einen BFG programmiert.“
- Die Entlassungen treffen nicht nur Entwickler, sondern auch die langjährige Kultur des Hauses, die legendäre Rage-Generation und die QuakeCon-Seele. Das jährliche Community-Treffen fand 2024 nur noch digital statt.
Ein bitterer Nachgeschmack
Microsofts Strategie erinnert an die späten 90er, als Publisher wie Infogrames (später Atari) Studios aushöhlten, bis nur noch der Name übrig blieb. id Software hat schon die Übernahme durch Zenimax und später Microsoft überstanden, aber so wie Broussard es formuliert, könnte der ikonische Name bald nur noch für die Vergangenheit stehen. Ein neues Doom ist nicht in Sicht.