Der falsche Glaube an Algorithmen
Große Publisher liebäugeln immer stärker mit automatisiertem Storytelling für kommende Titel. Dahinter steckt die Annahme, dass Spielerschaften die feinen Nuancen handgemachter Skripte ohnehin nicht bemerken.
- Künstliche Intelligenz soll Charaktere und Quests im Sekundentakt ausspucken.
- Manager erhoffen sich dadurch drastische Einsparungen bei den Produktionskosten.
- Echte Handwerkskunst wird dabei schlicht ignoriert.
Finanzberichte großer Konzerne wie Electronic Arts oder Ubisoft zeigen seit Jahren steigende Entwicklungskosten für AAA-Produktionen. Ein einzelner Teil von Assassin's Creed verschlingt mittlerweile oft dreistellige Millionenbeträge, wobei ein erheblicher Teil in das Schreiben und Vertonen von Tausenden Dialogzeilen fließt.
Vorstände suchen deshalb nach Wegen, diese Ausgaben zu drücken, ohne die scheinbare Masse an Inhalten zu reduzieren. Erste Tools von Unternehmen wie Inworld AI oder Replica Studios versprechen genau das, indem sie Non-Player-Charaktere (NPCs) mit generativen Sprachmodellen ausstatten.
Die Magie liegt im Detail
Wer jemals durch die detailverliebten Welten von Disco Elysium oder The Witcher 3 gestreift ist, kennt den Unterschied. Maschinen verstehen keine Subtext-Ebenen oder emotionale Zwischentöne.
- Jede handgeschriebene Zeile transportiert die Vision eines echten Autors.
- Handgefertigte NPCs atmen Charakter statt starrer Code-Muster.
- Die Freude steckt im Detail.
Das Studio ZA/UM veröffentlichte Disco Elysium im Jahr 2019 nach jahrelanger Schreibarbeit des leitenden Autors Robert Kurvitz. Das Rollenspiel enthält über eine Million Wörter, die komplett ohne prozedurale Generierung auskommen und stattdessen eine tiefgreifende politische sowie psychologische Welt zeichnen.
Ähnlich verhält es sich bei CD Projekt Red und The Witcher 3: Wild Hunt aus dem Jahr 2015. Die Quest "Der Turm aus Mists" oder die blutigen Geschichten des Blutzelts basieren auf tradition Handwerkskunst, die aus der Feder von Autoren wie Jakub Szamałek stammt. Solche narrativen Tiefen entstehen durch Lebenserfahrung, Schmerz und Humor von Menschen, die Algorithmen schlicht nicht replizieren können.
Spieler lassen sich nicht täuschen
Wer blind auf generische Textgeneratoren setzt, unterschätzt die Wahrnehmung der Community gewaltig. Gute Geschichten leben von Ecken, Kanten und echtem Herzblut.
- Niemand braucht endlose, aber seelenlose Dialogbäume voller Phrasen.
- Algorithmen kopieren lediglich bekannte Muster ohne echtes Verständnis.
- Wer diese Technik unkritisch feiert, beweist nur mangelnde Wertschätzung für gute Kunst.
Titel wie Skyrim von Bethesda bewiesen bereits 2011, dass Spieler repetitive, von Systemen generierte Aufgaben (Radiant Quests) schnell als Füllmaterial durchschauen. Wenn nun Sprachmodelle eingesetzt werden, um diese Quests mit zufälligem Text zu unterlegen, steigt zwar die Quantität der Dialoge, aber der inhärente Wert sinkt gegen Null.
Erste Modifikationen für PC-Spiele, die ChatGPT anbinden, zeigen bereits das Resultat. Die Figuren plappern endlose, formelhafte Höflichkeiten, die jeglichen subversiven Witz oder dramaturgischen Bogen vermissen lassen.