Dauerbeschallung aus dem Serverraum
In Wisconsin haben Anwohner eine Sammelklage gegen Microsoft eingereicht. Der Vorwurf: „unzumutbarer und übermäßiger Lärm“ von einem Datencenter des Konzerns.
Die Quelle des Ärgers: ein Gebäude voller Server, Kühlsysteme und Notstromaggregate. Für die Nachbarn bedeutet das Dauerlärm, der weit über normale Geräuschkulissen hinausgeht.
„Microsoft ist stolz darauf, in den Gemeinden, in denen wir tätig sind, ein guter Nachbar zu sein“, so der Konzern in einer Stellungnahme. Genau daran zweifeln die Kläger nun vor Gericht.
Das betroffene Datencenter liegt in Mount Pleasant, einer Gemeinde südlich von Milwaukee. Microsoft investierte dort rund 3,2 Milliarden US-Dollar in einen Campus aus mehreren Hallen, der nach Fertigstellung Zehntausende Server aufnehmen soll. Baubeginn war 2023, erste Module laufen bereits im Testbetrieb, und stoßen auf Protest.
Die Sammelklage wurde Ende März 2025 beim Racine County Circuit Court eingereicht, vertreten durch die Kanzlei Milberg Coleman Bryson Phillips Grossman. Die Kläger fordern Schallschutzmaßnahmen auf Kosten Microsofts und eine Entschädigung für die Beeinträchtigung ihres Eigentums. Ein Gerichtstermin ist für Oktober 2025 angesetzt.
Cloud-Gaming ohne Ruhestörung?
- Datencenter sind das Rückgrat moderner Dienste wie Xbox Cloud Gaming, Game Pass und Microsoft Teams.
- Sie laufen 24/7, kühlen pausenlos und verbrauchen enorme Mengen Strom.
- Die Anwohner fordern entweder Lärmschutzmaßnahmen oder finanzielle Entschädigung.
Der Fall zeigt ein wachsendes Problem: Immer mehr Rechenzentren entstehen in Wohngebieten. Microsoft muss sich fragen lassen, ob seine „gute Nachbarschaft“ auch leise sein kann.
Microsofts Cloud-Gaming wächst rasant, Xbox Cloud Gaming startete 2020 mit 26 Ländern, heute sind es über 40. Der Game Pass Ultimate zählte im Februar 2025 rund 38 Millionen Abonnenten, ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Jede dieser Sitzungen läuft auf Servern in Datenzentren wie dem in Mount Pleasant.
Die Lärmbelastung entsteht vor allem durch die Kühlung. Microsoft setzt in neueren Anlagen auf adiabatische Kühlung und freie Kühlung bei niedrigen Außentemperaturen, doch die Notstrom-Dieselgeneratoren müssen wöchentlich getestet werden. Nachbarn berichten von einem dröhnenden Brummen zwischen 20 und 60 Dezibel über dem Umgebungspegel, besonders nachts.
Der Fall Wisconsin erinnert an eine Klage gegen Google in Eemshaven, Niederlande, wo Anwohner 2022 erfolgreich eine nächtliche Lärmreduzierung erzwangen. Auch Apple stand in Aarhus, Dänemark wegen Server-Lärms vor Gericht. Solche Verfahren nehmen global zu: Zwischen 2020 und 2025 stieg die Zahl der Datencenter weltweit von 500 auf über 700 Rechenzentren im Mega-Campus-Format, laut Synergy Research.
Die Frage der Verhältnismäßigkeit
Die Klage ist noch frisch, ein Gerichtstermin steht aus. Was genau als „zumutbarer Lärm“ gilt, wird sich zeigen müssen.
Microsoft betreibt weltweit hunderte Datencenter, jedes mit eigener Akustik und eigener Anwohnerschaft. Der Fall in Wisconsin könnte Präzedenzfall schaffen, wie viel Serverbrummen eine Gemeinde ertragen muss.
Bis dahin: Wer in der Nähe eines Microsoft-Rechenzentrums wohnt, hört vielleicht mehr als nur die Ladegeräusche von Halo Infinite.
In Mount Pleasant hat Microsoft bereits erste Gegenmaßnahmen ergriffen: eine 6 Meter hohe Schallschutzwand aus Beton und Schilfrohrmatten entlang der Grundstücksgrenze. Die Kläger halten das für unzureichend, sie verlangen eine Einhausung der Kühlaggregate und Schalldämpfer an den Dieselgeneratoren. Kostenpunkt laut Gutachten: zwischen 2 und 5 Millionen US-Dollar.
Microsoft verweist darauf, dass das Datencenter alle geltenden Lärmschutzverordnungen des Racine County einhalte. Die erlaubte Höchstgrenze liegt tagsüber bei 55 Dezibel, nachts bei 45 Dezibel. Unabhängige Messungen der Anwohner zeigen jedoch Spitzenwerte von 65 Dezibel während der Lasttests. Die Behörde prüft derzeit die Kalibrierung der offiziellen Messstation.