Geldsegen für den Medienstandort
Die Bundesregierung erhöht die jährliche Filmförderung von 133 Millionen Euro auf 250 Millionen Euro. Dieses Budget soll vor allem das sogenannte Investitionsverpflichtungsgesetz stützen, welches Produktionen eine höhere Planungssicherheit bietet.
Das Wirtschaftsministerium orientiert sich bei dieser Aufstockung an europäischen Nachbarländern wie Frankreich oder Italien. Dort sind ähnliche Anreizsysteme bereits seit Jahren etabliert und sorgen für eine stetige Auslastung der dortigen Filmstudios.
Die neuen Bedingungen im Fokus
Fördergelder sind künftig an kulturelle Kriterien gebunden, die eine „deutsche oder europäische Identität“ der Werke voraussetzen. Projekte müssen einen Punktetest bestehen, der etwa die Sprache, das Setting oder die Herkunft der beteiligten Fachkräfte bewertet.
Produktionsfirmen müssen zudem die Rechte an ihren Inhalten für einen längeren Zeitraum behalten, um eine breitere Auswertung zu ermöglichen. Die neuen Vorgaben enthalten folgende Kernpunkte:
- Ein Pflichtanteil an kulturellen Merkmalen für die Förderwürdigkeit.
- Die Verpflichtung, geförderte Inhalte nach einer gewissen Zeit für Dritte (wie öffentlich-rechtliche Sender) zugänglich zu machen.
- Beschränkungen beim sogenannten Buy-out, bei dem Streaming-Plattformen alle Rechte an einem Werk dauerhaft erwerben.
Ärger beim Streaming-Giganten
Netflix kritisiert insbesondere die Regelung zur Rechteabtretung, da das Geschäftsmodell des Unternehmens auf exklusiven Weltrechten basiert. Wenn Netflix eine Produktion wie Dark mitfinanziert, investiert der Dienst in globale Exklusivität, um Abonnenten weltweit an die Plattform zu binden.
Die Verantwortlichen bei Netflix argumentieren, dass die bürokratischen Hürden den Produktionsstart verzögern. Das Unternehmen verweist auf den Erfolg von Dark, das von der Berliner Firma Wiedemann & Berg produziert wurde. Hätte es damals bereits die neuen Regeln gegeben, wäre die komplexe, grenzüberschreitende Finanzierung der Serie in dieser Form kaum realisierbar gewesen.
- Dark (2017–2020) war die erste deutsche Eigenproduktion von Netflix.
- 1899 (2022) nutzte die Volume-Technologie (LED-Walls), eine Technik, die durch die Dark Bay in Potsdam erst möglich wurde.
- Die Produktionskosten pro Serienfolge lagen bei 1899 schätzungsweise bei über 5 Millionen Euro.
Branchenkontext und historische Einordnung
Der deutsche Filmmarkt leidet seit Jahren unter einer Zersplitterung der Förderlandschaft durch die einzelnen Bundesländer. Die neue Bundesförderung soll diese Kleinstaaterei beenden und größere Budgets für internationale Marktchancen bereitstellen.
Vergleichbare internationale Produktionen in Deutschland, etwa Babylon Berlin, profitierten bisher von einer Mischfinanzierung aus ARD, Sky und Filmstiftungen. Netflix hingegen agiert oft als alleiniger Vollfinanzierer, was das Unternehmen in einen direkten Konflikt mit den gesetzlichen Vorgaben zur Rechteverwertung bringt.
- Der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) war bisher das primäre Instrument für Produktionsanreize.
- Produktionen wie Im Westen nichts Neues (2022) erhielten Unterstützung durch den DFFF, mussten sich jedoch an den bestehenden, deutlich flexibleren Regeln orientieren.
- Die Branche befürchtet, dass internationale Studios nun vermehrt Standorte in Osteuropa wählen könnten, wo Förderbedingungen weniger stark in die Rechteverwertung eingreifen.
Auswirkungen auf kommende Projekte
Die Unsicherheit führt dazu, dass derzeit mehrere Großprojekte in Deutschland in der Schwebe hängen. Produktionshäuser wie UFA oder Constantin Film müssen nun abwägen, ob sie auf die staatlichen Zuschüsse verzichten, um die volle Kontrolle über ihre Rechte zu behalten.
Das Bundeswirtschaftsministerium bleibt bei seiner Haltung, dass staatliches Geld mit einer Rückkehr für die Allgemeinheit verbunden sein muss. Für Netflix bedeutet dies, dass der Konzern im kommenden Jahr zwischen einer Anpassung seiner Verträge oder dem Verzicht auf deutsche Fördergelder wählen muss. Die ersten Projektanträge unter den neuen Bedingungen werden für Januar erwartet.