Der neue Streaming-Spitzenreiter
The Last House hat sich weltweit an die Spitze der Netflix-Charts gekämpft. Der 112-minütige Sci-Fi-Thriller verzeichnete nach fünf Tagen 51 Millionen Viewing Hours. Zum Vergleich: Der bisherige September-Rekordhalter "The Perfect Couple" erreichte im selben Zeitraum 38 Millionen. Die Hauptrollen spielen Nadja Stern und Elliot Vance, zwei bislang wenig bekannte Schauspieler, die durch Serienauftritte in "Dark" und "1899" ein kleines Genre-Publikum haben.
- Weltweit auf Platz 1 in 82 Ländern
- In Deutschland auf Platz 1 vor "Die Schule der magischen Tiere 3"
- Laufzeit von 112 Minuten, ab 16 Jahren freigegeben
Verheerende Kritiken bei Rotten Tomatoes
Die Kritiker zeigen sich von dem Film enttäuscht. Bei Rotten Tomatoes steht der Titel aktuell bei mageren 27 Prozent, basierend auf 83 Rezensionen. Nur 22 der 83 Kritiker fanden lobende Worte. Speziell die Sci-Fi-Twists stehen in der Kritik, ihnen fehle eine innere Logik, und das Drehbuch löse die eigenen Regeln nicht ein.
- Kritiker-Konsens: "Visuell ambitioniert, narrativ verloren"
- The Guardian nennt den Film "eine teure Enttäuschung"
- Variety verriss die Dialoge als "hölzern und notdürftig montiert"
- Die Website Moviebreak sprach von "aufgeblähtem Streaming-Einheitsbrei"
Das Phänomen der Streaming-Zahlen
Trotz der schwachen Wertungen schalten Fans weltweit ein. Das Publikum ignoriert die schlechten Noten komplett. Der Audience Score von Rotten Tomatoes liegt bei 91 Prozent Zustimmung, abgegeben von mehr als 2.500 Nutzern. Viele Kommentare loben das Production Design und die düstere Atmosphäre, genau die Punkte, die Kritiker vermissen ließen.
- 51 Millionen Views in den ersten fünf Tagen
- 84 Millionen Watch-Hours nach zehn Tagen
- Platz 1 in Deutschland, Frankreich, Brasilien, Japan und Indien
- Streaming-Erfolg steht im krassen Gegensatz zum Kritiker-Score
Studio-Historie: Northlight Pictures
Produzentin Lena Voss und VFX-Künstler Tomás Herrera gründeten Northlight Pictures 2017 in Vancouver. Beide arbeiteten zuvor bei Method Studios an "Blade Runner 2049" und "Altered Carbon", bevor sie sich selbstständig machten. Ihr Debütfilm "Echoes of Orpheus" gewann beim Sitges-Festival den Preis für die besten visuellen Effekte, blieb im Kino jedoch ein Nischenprodukt mit 900.000 Dollar Einspiel.
Northlight hat sich auf kleine, effektlastige Sci-Fi-Produktionen spezialisiert. Mit "The Last House" wagt das Studio erstmals den Sprung zu einem Streaming-Release. Das Budget von 18 Millionen Dollar ist die bislang teuerste Produktion der Firma; die Vorgängerfilme kosteten zwischen 6 und 9 Millionen Dollar.
- Vorherige Projekte: "Echoes of Orpheus" (2018), "Chrome Fields" (2021)
- "Chrome Fields" lief in 14 Kinos und spielte 1,2 Millionen Dollar ein
- Netflix kaufte die Rechte nach der Fertigstellung im Mai für eine Summe im mittleren zweistelligen Millionenbereich
Die "House"-Anthologie und ihre Vorgänger
Technisch ist "The Last House" kein Einzelfilm, sondern der vierte Teil der "House"-Anthologie von Northlight. Die Reihe begann 2019 mit "The Glass House", einem Psychothriller über eine Frau, die in einem Haus aus Spiegelglas gefangen ist. Die Filme verbindet kein Handlungsstrang, sondern das Motiv eines Hauses als Sinnbild für das Unterbewusstsein. Diese Struktur erlaubt es dem Studio, jedes Mal eine neue Besetzung und ein neues Genre zu verwenden.
- "The Glass House" (2019): 5,8 Punkte auf IMDb, 4.500 Zuschauer im Eröffnungswochenende
- "The Hollow House" (2021): Erster Streaming-Release der Reihe, auf dem Nischenanbieter Plex, kaum notiert
- "The Burning House" (2022): Gewann den Publikumspreis beim Fantastic Fest in Austin, wurde aber von Kritikern ignoriert
- "The Last House" ist der erste Teil der Reihe, der ein breites Publikum erreicht; die vier Filme teilen sich ein gemeinsames Endbild, das erst nach dem Abspann sichtbar wird
Branchenkontext: Kritiker-Score als Nebensache
Der Widerspruch zwischen Kritikervotum und Zuschauererfolg ist bei Streaming immer wieder zu beobachten. "Bird Box" (RT 64 Prozent) hielt 2018 den Rekord für die meisten Views in einer Premierenwoche, ohne dass die Kritiken einhellig positiv waren. Ein extremeres Beispiel war "Red Notice" (RT 35 Prozent), der 2021 zum meistgesehenen Netflix-Film avancierte.
Der Unterschied zu "The Last House" liegt in der Verriss-Geschwindigkeit. Die Fachpresse urteilte bereits am Release-Tag, während die Zuschauerwertungen erst im Laufe der Woche auf 91 Prozent stiegen. Streaming-Algorithmen belohnen Engagement, nicht Qualität im journalistischen Sinne. Ein niedriger RT-Score hat bislang keinen Netflix-Hit verhindert, solange das Publikum einschaltet.
- Vergleichswerte: "The Gray Man" (RT 45 Prozent) stand 2022 in 76 Ländern auf Platz 1
- "The Mother" (RT 43 Prozent) verzeichnete 2023 das sechstbeste Startwochenende der Netflix-Geschichte
- Laut FlixPatrol verbrachte "The Last House" bislang 14 Tage in den weltweiten Top-10
- Netflix selbst nennt nur die Top-10-Listen als Erfolgsmetrik; offizielle Abrufzahlen veröffentlicht das Unternehmen nur wöchentlich
In Deutschland verdrängte der Film zuletzt "Inside Out 2" aus den Top-10, obwohl der Pixar-Titel deutlich mehr Presseberichte erhielt. Das Muster erinnert an "The Adam Project" (RT 67 Prozent), der 2022 trotz mittelmäßiger Resonanz zur damals zweiterfolgreichsten Netflix-Produktion wurde. Ob "The Last House" die 100-Millionen-Marke an Watch-Hours erreicht, wird sich in der dritten Woche zeigen; die Konkurrenz durch "Spiderhead 2" startet in sieben Tagen.