Ende für Project Mara
Ninja Theory hat die Entwicklung des ambitionierten Horror-Projekts Project Mara offiziell eingestellt. Der Titel wurde 2020 als „fotorealistische Erkundung mentalen Terrors“ angekündigt und sollte ein neues Kapitel im interaktiven Storytelling aufschlagen.
Das Spiel war als realitätsnahes Psychogramm geplant, in dem die Spielerin die Wohnung einer Frau erkunden sollte, die unter paranoider Schizophrenie leidet. Gedreht wurde mit echten Schauspielern, die Dialoge improvisierten. Ein erster Teaser zeigte eine unscharfe, verzerrte Küche, mehr wurde nie gezeigt.
Stattdessen konzentriert sich das gesamte Team nun auf Senua, den dritten Teil der Reihe um die gleichnamige Protagonistin. Studio-Chef Dom Matthews erklärte die Entscheidung in einem Interview mit Xbox Wire.
Ninja Theory: Vom Indie-Underdog zum Microsoft-Studio
Ninja Theory wurde 2000 in Cambridge gegründet. Die ersten Titel waren Action-Spiele mit cineastischem Anspruch: Heavenly Sword (2007, PS3) verkaufte sich rund 1,5 Millionen Mal, Enslaved: Odyssey to the West (2010) floppte kommerziell.
Mit DmC: Devil May Cry (2013) wagte das Studio einen kontroversen Neustart der Capcom-Reihe, die Kritiken waren gut, die Fangemeinde gespalten.
2018 übernahm Microsoft das Studio und gliederte es in Xbox Game Studios ein. Der Kaufpreis wurde nicht genannt, lag aber Branchengerüchten zufolge im niedrigen zweistelligen Millionenbereich.
Seit der Übernahme arbeitet Ninja Theory parallel an mehreren Projekten: dem Haupttitel Senua's Saga: Hellblade II (2024), dem experimentellen Project Mara und dem Early-Access-Kampfspiel Bleeding Edge (2020). Letzteres wurde nach schwachen Spielerzahlen eingestellt. Project Mara ist nun das dritte eingestellte Projekt innerhalb von vier Jahren.
Matthews: „Nie einfach, aber notwendig“
- Matthews: „Ich habe mich entschieden, nicht mehr an Project Mara zu arbeiten. Diese Entscheidungen sind nie einfach.“
- Grund: Alle 85 kreativen Köpfe des Studios sollen gemeinsam das Potenzial von Senua voll ausschöpfen.
- Project Mara wurde als „revolutionäre, realitätsnahe und bodenständige Erforschung psychischer Ängste“ beschrieben.
Der Fokus auf das neue Spiel bedeutet das Aus für das experimentelle Horror-Projekt, das zuletzt kaum noch öffentlich thematisiert wurde. Bereits 2022 hatten Insider berichtet, dass die Entwicklung stocke, angeblich weil die fotorealistische Unreal-Engine-5-Technik zu aufwendig für das kleine Team war. Matthews bestätigte die Probleme nicht, räumte aber ein, dass man „mehr Ressourcen gebraucht hätte, um es fertigzustellen“. Stattdessen wandern die Prototypen und Techniken nun in die Senua-Entwicklung.
Senua: Vom Psychodrama zum Action-Adventure
Senua wurde im Rahmen der Xbox-Showcase bei Summer Game Fest vorgestellt. Matthews beschreibt das Spiel als „reines Action-Adventure“, ein deutlicher Bruch mit dem langsamen Tempo der Hellblade-Vorgänger.
- Die Kämpferin Senua kehrt zurück und setzt ihren Kampf gegen ihre Psychose fort.
- Der Schritt weg von ruhiger Erkundung hin zu mehr Tempo und Action dürfte für Diskussionen unter Fans sorgen.
Matthews betont, dass die Bündelung aller Talente nötig war, um Senua auf das nächste Level zu heben. Ob die Absage von Project Mara sich langfristig auszahlt, wird die Veröffentlichung zeigen.
Hellblade-Reihe: Zahlen und Meilensteine
Der erste Teil Hellblade: Senua's Sacrifice erschien 2017 für PC und PS4, später für Xbox und Switch. Entwickelt wurde er mit einem Budget von rund 10 Millionen US-Dollar und einem Kernteam von nur 20 Leuten.
Das Spiel verkaufte sich innerhalb eines Jahres über eine Million Mal, ein großer Erfolg für ein Indie-Projekt. Es gewann mehrere BAFTA-Awards, darunter für Sound, Performance und British Game. Die Darstellung von Psychosen wurde von Fachleuten gelobt.
Der Nachfolger Senua's Saga: Hellblade II erschien im Mai 2024 exklusiv für Xbox Series X|S und PC. Microsoft investierte massiv: Die Produktion dauerte über fünf Jahre, die Grafik nutzt volle Unreal Engine 5, und die Hauptdarstellerin Melina Juergens führte Regie bei den Motion-Capture-Aufnahmen.
Verkaufszahlen wurden nicht offiziell genannt, aber der Titel erreichte bei Release Platz 2 der meistverkauften Xbox-Spiele in Großbritannien. Der neue dritte Teil soll nun noch stärker auf Action setzen, ein Risiko, denn viele Fans schätzen gerade die intime, langsame Erzählweise der Vorgänger.
Branchenkontext: Fokussierung auf Kernmarken
Die Einstellung von Project Mara folgt einem Trend in der Branche. Große Publisher wie Microsoft, Sony und EA konzentrieren ihre Ressourcen zunehmend auf etablierte Serien, während experimentelle Projekte gestrichen werden.
- 2023 stellte Tango Gameworks das Survival-Horror-Spiel Hi-Fi Rush ein, um an Ghostwire: Tokyo 2 zu arbeiten.
- Arkane Austin (jetzt geschlossen) hatte ebenfalls kleinere Prototypen aufgegeben, bevor sie an Redfall scheiterten.
- Microsoft selbst hat seit Übernahme von Activision Blizzard mehrere Studios geschlossen oder Projekte gestrichen, darunter The Coalition an einem unbekannten Titel.
Ninja Theory steht unter dem Druck, einen Hit für Game Pass zu liefern. Senua's Saga: Hellblade II konnte die Erwartungen an die Abozahlen nicht erfüllen, ein dritter Teil muss nun beweisen, dass sich die Konzentration lohnt. Matthews sagte: „Wir können nicht alles gleichzeitig machen. Wir müssen die beste Version von Senua bauen.“