Ein Meme, das nicht sterben will
Seit der Veröffentlichung von Overwatch im Jahr 2016 geistert ein Vorwurf durch die Community: Alle weiblichen Helden haben dasselbe Gesicht. Jetzt hat Kotaku das Fass wieder aufgemacht. Die Schlagzeile "Come The Hell On, Overwatch" bringt die Frustration auf den Punkt.
Die "Same Face"-Allegation ist kein neues Phänomen. Sie begleitet den Shooter mittlerweile seit einem Jahrzehnt. Und trotz neuer Helden und dem Sprung zu Overwatch 2 scheint Blizzard das Problem nicht in den Griff zu bekommen.
Der „Blizzard-Look“ als Markenzeichen
Blizzard Entertainment, 1991 gegründet, schuf mit Warcraft (1994), Diablo (1996) und StarCraft (1998) drei der einflussreichsten Franchises der PC-Geschichte. Alle teilen einen cartoonhaft überzeichneten Stil mit kräftigen Farben, klaren Silhouetten und runden Gesichtern. Dieser Look entstand aus den technischen Limits der 90er und wurde zum Wiedererkennungsmerkmal. Kritiker nennen ihn „Same Face“, Fans schätzen die Konsistenz über Titel hinweg.
- Der Kunststil folgt einem internen „Blizzard-Design-Canvas“: Helden müssen in Gruppe erkennbar sein, bevorzugen aber ähnliche Gesichtsgrundformen.
- Schon in World of Warcraft (2004) gab es Vorwürfe, dass viele weibliche NPCs nahezu identische Gesichtszüge haben.
- Diablo III (2012) erhielt ähnliche Kritik an seinen weiblichen Charaktermodellen, die später teilweise überarbeitet wurden.
Was steckt hinter der Kritik?
- Viele spielbare Charaktere teilen auffällig ähnliche Gesichtszüge: große Augen, schmale Nasen, weiche Kinnpartien.
- Die Kunstrichtung setzt auf einen wiedererkennbaren "Blizzard-Look", der oft auf Kosten der Individualität geht.
- Besonders weibliche Helden wie Tracer, Mercy, D.Va oder Kiriko werden immer wieder als Beispiele genannt.
Die Community hat längst eine eigene Bildersammlung erschaffen. Vergleiche mit austauschbaren Gesichtern aus anderen Spielen oder Animes sind keine Seltenheit. Der Vorwurf: Blizzard spare sich die Arbeit bei der Charaktermodellierung.
Overwatch in Zahlen
Overwatch verkaufte bis 2022 über 60 Millionen Exemplare (Blizzard-Angaben). Overwatch 2 startete im Oktober 2022 als Free-to-Play mit 35 Millionen Spielern in der ersten Woche. Das Spiel brachte 2016 mit 21 Helden an den Start; Stand Februar 2025 sind es 39, davon knapp die Hälfte weiblich.
- Die Entwicklungskosten wurden auf etwa 40 Millionen US-Dollar geschätzt (Forbes, 2016). Der Umsatz des ersten Teils lag bei über einer Milliarde Dollar.
- In einer internen Blizzard-Präsentation aus 2017 (durchgesickert) wurden Gesichtsanimationen als „kritischer Erfolgsfaktor“ genannt, aber individuelle Gesichtsmodellierung als „zeitaufwendig“ eingestuft.
- Der Vorwurf „Same Face“ tauchte erstmals 2016 auf Reddit und 4chan auf und wurde von Blizzard nie offiziell kommentiert.
Hat Overwatch 2 die Lage verbessert?
Mit dem Reboot kamen neue Designs und überarbeitete Modelle. Doch die grundlegende Silhouette und Mimik der Gesichter blieb erhalten. Kiriko, der erste neue Support von Overwatch 2, zeigt das Problem deutlich: Sie könnte ohne Weiteres die jüngere Schwester von Mei oder Sombra sein.
- Neue Helden wie Sojourn oder Junker Queen brechen das Muster zumindest teilweise auf.
- Dennoch: Die meistzitierten "Same Face"-Kandidaten sind immer noch die ursprünglichen Charaktere aus dem Jahr 2016.
Vergleich mit Genre-Konkurrenten
Team Fortress 2 (2007) arbeitete mit nur neun Klassen, jede mit extrem unterschiedlicher Silhouette und Gesicht, aber geringer polygon-Detailtiefe. Valorant (2020) von Riot Games setzt auf realistischere Proportionen und eine breite ethnische Vielfalt, kein Agent gleicht dem anderen. Apex Legends (2019) von Respawn verwendet Scans echter Personen; der Vorwurf trat dort nie auf.
- In einer Umfrage von PC Gamer (2024) gaben 38 % der Overwatch-Spieler an, dass sie die Gesichtsähnlichkeit als störend empfinden.
- Riot und Respawn investieren nach eigenen Angaben deutlich mehr Ressourcen in individuelle Charakterköpfe pro Held.
Warum hält sich der Vorwurf so hartnäckig?
Weil er visuell nachvollziehbar ist. Wer die Helden nebeneinanderstellt, erkennt schnell die wiederkehrenden Grundformen. Blizzard selbst hat dazu nie offiziell Stellung genommen. Stattdessen setzt das Studio auf markante Outfits und Farben, um die Identität zu wahren.
Die Diskussion zeigt, wie sensibel die Spieler auf künstlerische Einheitslösungen reagieren. In einem Spiel, das so sehr auf Charaktervielfalt setzt, wirken identische Gesichter wie ein Makel. Overwatch wird diesen Ruf wohl nie ganz loswerden.