Der Nostalgie-Blues
GIGA veröffentlicht eine Liste mit zehn Spielen aus der Kindheit, die den meisten heute peinlich sind. Die Zusammenstellung basiert auf Hype und kindlicher Unvoreingenommenheit, Faktoren, die uns damals blind für Schwächen machten.
Ein Paradebeispiel: E.T. the Extra-Terrestrial (Atari 2600, 1982). Entwickelt von Howard Scott Warshaw, der zuvor den Kulttitel Yars‘ Revenge programmiert hatte. Atari produzierte 1,5 Millionen Cartridges, verkaufte nur rund 200.000. Der Rest landete in einer Deponie in New Mexico. Der Flop beschleunigte den Videospiel-Crash von 1983. Ein weniger bekanntes, aber ähnlich katastrophales Lizenzspiel ist Big Rigs: Over the Road Racing (2003, Entwickler Stellar Stone). Das Studio brachte nie ein zweites Spiel heraus. Der Titel enthielt keine Kollisionserkennung, der LKW fuhr durch Gegner und Brücken hindurch. Auf Metacritic hält er eine Wertung von 8/100, der tiefste Wert des Portals.
Warum wir sie liebten
Als Kinder fehlte uns der kritische Blick. Ein buntes Cover oder der Name einer bekannten Marke reichten aus. Der Hype im Freundeskreis verstärkte den Drang, ein Spiel zu besitzen, egal, ob es gut war.
Die Vermarktung spielte eine Schlüsselrolle. Shrek: Super Party (2002, Xbox/PS2/GameCube) verkaufte sich dank des Film-Booms rund 300.000 Mal, obwohl das Entwicklerstudio Mass Media Inc. es in wenigen Monaten aus einem bestehenden Party-Spiel-Klon zusammenschusterte. Vorher hatte das Team nur Shrek: Hassle at the Castle abgeliefert, ebenfalls ein kritischer Reinfall. Kinder kauften es wegen der lachenden Figuren auf der Packung. Die Spieleindustrie produzierte in den 2000ern hunderte solcher Lizenzbrocken, weil die Lizenzeinnahmen der Filme die Entwicklungskosten deckten, Qualität war optional.
Was heute wehtut
Die Grafik wirkt oft unfreiwillig komisch. Steuerungen, die damals okay schienen, sind heute eine Zumutung. Dialoge und Storys erscheinen albern, wenn man sie mit erwachsenen Augen sieht.
Nehmen wir Spider-Man 3 (2007, PC/PS3/Xbox 360). Entwickler Treyarch (heute bekannt für Call of Duty: Black Ops) musste das Spiel im Rekordtempo zum Filmstart ausliefern. Resultat: eine Kamera, die bei Sprüngen wegdreht, und Dialoge, die an eine schlechte Synchro erinnern. Der Metacritic-Score lag bei 49/100. Im Vergleich dazu war der Vorgänger Spider-Man 2 (2004, gleiches Studio) mit 72 Punkten deutlich besser, die kurze Entwicklungszeit von fünf Monaten schlug direkt auf die Qualität durch.
Keine Namen, keine Scham
Wir nennen hier keine konkreten Titel, die Liste von GIGA spricht für sich. Doch jeder von uns hat mindestens eines dieser Spiele auf dem Gewissen. Die Auswahl reicht von abgehalfterten Lizenzbrocken bis zu überhypten Flops.
Ein typischer Vertreter: Ride to Hell: Retribution (2013, Entwickler Eutechnyx). Das Spiel sollte ein düsteres Motorrad-Action-Adventure werden, erschien aber als technisches Desaster: Charaktere ohne Gesichtsanimationen, Kämpfe mit kaputter KI. Vorgänger im Ride-to-Hell-Franchise gab es nicht, der Titel war ein kompletter Neustart, der scheiterte. Vergleiche mit Full Throttle (1995, LucasArts) zeigen, wie weit die Erwartungen und die Realität auseinanderklafften.
Sinn der Scham
Eigentlich sollten wir nicht den Kopf hängen lassen. Die Spiele sind Teil unserer Geschichte und zeigen, wie sehr sich die Branche weiterentwickelt hat. Ein bisschen Fremdscham gehört dazu, aber auch ein Lächeln über die eigene Naivität.
Die Entwicklung der Bewertungsplattformen verdeutlicht den Wandel. Als E.T. erschien, gab es keine Metacritic-Noten. Erst ab Mitte der 2000er wurden Aggregatoren zum Standard. Heute verhindern Early-Access-Reviews und Patch-Kultur, dass solche Totalausfälle unentdeckt bleiben. Die Zahl der Spiele mit Metacritic-Werten unter 20 sank von durchschnittlich vier pro Jahr (2000–2010) auf unter einen (2015–2025). Der Markt hat gelernt, auch wenn die Nostalgie manchmal die Erinnerung schönt.
Kein Grund zur Scham
Die Liste von GIGA ist ein Beleg dafür, wie sehr sich der Geschmack und die Maßstäbe der Spieler ändern. Wer heute über seine alten Lieblinge lacht, hat verstanden, worum es im Gaming geht.
Ein letzter Fakt: Action Man: Operation Extreme (2000, PS1, Entwickler Blitz Games) basiert auf einer Actionfiguren-Reihe von Hasbro. Das Spiel verkaufte sich gut in Europa, erhielt aber eine Durchschnittswertung von 38 %. Heute würde kein Publisher mehr eine solche Lizenz ohne Quality-Gate freigeben, die Kosten für einen Flop sind durch digitale Distribution und Reviews zu hoch. Die Branche hat ihre Lektion gelernt. Wir dürfen unsere alten Fehlkäufe also mit Stolz im Regal stehen lassen.