Der Pivot: Vom Disc-Laufwerk zum TV-Gerät
Ausgerechnet Sony vollzieht jetzt die Bewegung, die Microsoft 2013 in den Shitstorm trieb: PlayStation verschlankt den Fokus auf Spiele und rückt TV-Funktionen in den Mittelpunkt. Nachdem man bereits bei der PS5 Digital Edition auf das Laufwerk verzichtet hat, folgt nun der große Rundumschlag in Richtung Fernseh-Integration. Die Kernmeldung der Woche: Sonys neue Firmware bindet Live-TV, Streaming-Guides und Mediatheken direkt in das Dashboard ein. Das erinnert fatal an den Xbox-One-Enthüllungs-Eklat, als Microsofts “All-in-One-Entertainment”-Vision die Spielegemeinde gegen sich aufbrachte.
Die Parallele zu 2013: Als Microsoft den TV-Rausch hatte
- Xbox One wurde am 21. Mai 2013 als Multimedia-Box präsentiert, nicht als Spielkonsole.
- Der HDMI-In-Anschluss für Kabel-TV, die OneGuide-Oberfläche und die Kinect-Pflicht sorgten für Hohn.
- Microsoft verlangte eine ständige Online-Verbindung und blockierte gebrauchte Spiele, was die Community endgültig entfremdete.
- Sony konterte damals mit dem legendären PS4-Video, das das Teilen von Spielen als einfaches „Hi, ich bin’s” zeigte.
- Jetzt kopiert Sony selbst die verpönte Position, nur mit dem Unterschied, dass die Disc schon faktisch abgeschafft ist.
Sonys konkreter Schritt: Mehr als nur eine Digital Edition
Die aktuelle Ankündigung umfasst eine tiefgreifende Überarbeitung der PS5-Oberfläche. Im Mittelpunkt steht eine neue „TV-Hub“-Sektion, die Live-Programm von Partnern wie linearen Sendern und Streaming-Diensten bündelt. Dazu kommen zusätzliche Bannerwerbung im Hauptmenü, die sich über die gesamte Breite des Bildschirms zieht. Sony plant offenbar, die Konsole als zentrale Media-Box im Wohnzimmer zu etablieren, ähnlich wie ein Smart-TV. Das ist kein kleines Update, sondern eine strategische Neuausrichtung. Bereits die PS5 Pro verzichtete im Basis-Set auf ein Laufwerk, nun wird der TV-Fokus komplettiert.
Die Ironie der Geschichte: Sonys früherer Anti-TV-Kurs
Sony war derjenige, der 2013 als Retter der reinen Spielerfahrung gefeiert wurde. Die PS4 startete mit einem simplen, spielezentrierten Interface und einem Preis von 399 Euro, 100 Euro günstiger als die Xbox One. Selbst der Streaming-Dienst PlayStation Vue, der 2015 als TV-Abo startete, wurde 2020 wieder eingestellt, weil Sony sich auf Spiele konzentrieren wollte. Nun kehrt das TV-Thema zurück, nur ohne die frühere Zurückhaltung. Die Studio-Historie von Sony Interactive Entertainment zeigt: Man hat nie wirklich aus der 2013er-Lektion gelernt, sondern nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet.
- In Foren und sozialen Netzwerken kursiert wieder der Slogan „They’ve gone full Xbox One“, als Meme und Anklage zugleich.
- Viele Spieler erinnern sich an die „used games“-Debatte und befürchten, dass Sonys TV-Offensive einer DRM-Verschärfung den Weg ebnet.
- Die Reaktionen auf YouTube-Videos zum Update zeigen eine deutliche Überzahl an Daumen nach unten.
- Einige Stimmen argumentieren, dass Streaming-Dienste wie Netflix oder YouTube längst die TV-Funktion abdecken, Sony also keinen Mehrwert schaffe.
- Andere betonen, dass die Disc-Abschaffung bei der Digital Edition bereits ein Zeichen war, aber der TV-Ausbau nun die Grenze überschreitet.
Branchenkontext: Der Markt zieht in eine bekannte Richtung
Sony ist nicht der erste Konzern, der auf Multimedia setzt, aber der Zeitpunkt ist heikel. Nintendo bleibt mit der Switch 2 bewusst spielefokussiert, und Steam Deck zeigt, dass die Zukunft auch in portabler Hardware liegen kann. Ausgerechnet Microsoft, damals Opfer des TV-Shitstorms, hat sich mit dem Game Pass als reiner Inhaltsanbieter neu erfunden. Sonys Schritt wirkt wie ein Griff ins Archiv, nicht wie Innovation. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Im Jahr 2026 nutzen über 70 Prozent der Haushalte Smart-TV-Apps, eine Konsole muss diese Funktion nicht mehr kopieren. Stattdessen riskiert Sony, seine Kernzielgruppe zu verprellen, die für Singleplayer-Erlebnisse und exklusive Blockbuster zahlt.
Die Rolle der Rückwärtskompatibilität als letzte Bastion
Ein Lichtblick: Während die TV-Offensive ausgerollt wird, hat Sony parallel die Rückwärtskompatibilität für PS3-Klassiker ausgebaut. Das zeigt, dass man das Spiele-Erbe zumindest nicht völlig aufgibt. Doch die Priorität ist klar, denn die neuen TV-Sektionen sind nicht optional, sondern werden als Standard-Dashboard-Struktur forciert. Die Gefahr besteht darin, dass sich Sony zwischen zwei Stühle setzt: Für TV-Konsumenten gibt es bessere Geräte, für Spieler wird das Interface zugemüllt. Die PS5 soll 2026 ohnehin nur noch wenige physische Releases erhalten, da erste Publisher auf reine Download-Schlüssel in Hüllen umsteigen. Der Schritt in Richtung Disc-freie, TV-lastige Konsole ist also bereits vollzogen, bevor sie offiziell ausgesprochen wurde.
Ein Deja-vu mit bitterem Beigeschmack
Als Microsoft 2013 den TV-Fokus präsentierte, halbierte sich die Marktkapitalisierung des Unternehmens innerhalb weniger Tage. Sony geht den gleichen Weg, nur ohne die Notwendigkeit einer Wende, denn die PS5 verkauft sich gut. Die Ironie: Damals spottete Sonys Marketing über die Xbox One, heute kopiert man deren Fehler, inklusive der „Always-on“-Antennen. Eine Beobachtung am Rande: Die neue TV-Hub-Funktion verlangt eine permanente Internetverbindung, um Programmdaten zu laden. Das erinnert frappierend an die Online-Pflicht von Microsoft 2013. Ob Sony die Kurve kratzt, wird die Reaktion der Spieler zeigen, aber die ersten Wochen sind vielsagend. Es wäre ein fader Trost, wenn ausgerechnet dieser Weg zur Selbstbeschneidung führt.