Ein Kulttitel ist zurück im Regal
Rain World steht wieder dort, wo es hingehört: in der Obhut der Menschen, die es gebaut haben. Das brutale Survival-Spiel aus dem Hause Videocult hing jahrelang am Publishing-Label Adult Swim Games, dessen Konzernmutter das Label abwickelte. Diese Phase ist vorbei, der Titel ist dauerhaft erhältlich und aktuell zu einem Preis zu haben, der eher an ein Trinkgeld erinnert als an eine Spielerausgabe. Für alle, die den Slugcat bisher nur aus Erzählungen kennen, ist das der günstigste Einstieg seit Jahren.
Was Rain World so unbarmherzig macht
- Man spielt einen Slugcat, ein namenloses Wesen am unteren Ende einer Nahrungskette, in der praktisch alles größer und hungriger ist.
- Jeder Regenzyklus ist ein Wettlauf: Wer nicht rechtzeitig einen Unterschlupf findet, wird von der Flut erwischt.
- Es gibt keine Erfahrungspunkte, keine Skillbäume, kein Mitleveln der Gegner. Fortschritt entsteht nur durch Wissen über die Welt.
- Das Karma-System belohnt geduldiges Überleben und bestraft sinnloses Sterben, ohne dem Spieler je zu erklären, wie genau.
- Die Ökosysteme laufen ohne den Spieler weiter. Kreaturen jagen einander, verhungern, wandern ab. Nichts wartet auf dich.
Der lange Weg aus dem Lizenzlimbo
Als der Mutterkonzern von Adult Swim Games sein Publishing-Geschäft 2024 einstellte, standen zahlreiche Indie-Titel plötzlich ohne Struktur da. Entwickler mussten um Rechte, Store-Einträge und Updates kämpfen, einige Spiele verschwanden komplett aus den Shops. Rain World gehörte zu den Fällen, bei denen sich die Lage zugunsten der Entwickler klärte, womit der Titel wieder planbar gepflegt werden kann. Der aktuelle Rabatt ist damit kein Zufall, sondern das Ergebnis einer geklärten Rechtslage. Ein Spiel, das jahrelang auf dem Abstellgleis stand, ist nun wieder regulär im Handel.
Videocult: kleines Team, großes Ökosystem
Videocult ist ein winziges Studio, das mit Rain World einen Titel ablieferte, an dem deutlich größere Teams gescheitert wären. Das Spiel entstand aus einer langen, kleinteiligen Entwicklungsphase und einer Crowdfunding-Kampagne, die in der ersten Hälfte der 2010er Jahre lief. Der Release folgte 2017, also zu einer Zeit, in der Survival-Spiele zwar boomen, aber selten so eigenwillig waren wie dieses. Statt Crafting-Menüs und Bauplänen bekam man eine simulierte Tierwelt, die den Spieler nicht als Helden behandelt. Das Studio blieb danach bewusst klein und arbeitete in Ruhe an Inhalten.
- Die Erweiterung Downpour brachte zusätzliche Slugcats mit eigenen Fähigkeiten und Routen ins Spiel und wurde von Akupara Games umgesetzt.
- Jeder der neuen Charaktere verändert die Regeln spürbar, statt nur neue Levels anzuhängen.
- Die Community hat über Jahre Karten, Mods und Challenges gebaut und damit die Lebensdauer des Titels erheblich gestreckt.
- Diese Mods halten den Titel auch abseits von Rabattaktionen relevant, was für ein Spiel von 2017 bemerkenswert ist.
Warum der Fall über Rain World hinausgeht
Die Abwicklung von Adult Swim Games war kein Einzelfall, sondern Teil einer größeren Bewegung: Konzerne ziehen sich aus dem Indie-Publishing zurück, ganze Kataloge hängen in der Schwebe. Für Spieler bedeutet das, dass digitale Käufe verschwinden können, obwohl sie bezahlt wurden, und dass Entwickler ohne Publisher plötzlich ihre eigene Vermarktung stemmen müssen. Dass Rain World wieder frei verfügbar und obendrein spottbillig ist, liegt daran, dass die Rechteinhaber sich einig wurden. Andere Adult-Swim-Titel hatten dieses Glück nicht und blieben zeitweise oder dauerhaft aus den Stores verschwunden.
Für wen sich der Kauf jetzt lohnt
- Wer Hollow Knight wegen der Atmosphäre mochte, aber mehr Systemtiefe verträgt, findet hier ein deutlich härteres Zuhause.
- Wer Geduld mitbringt und Fehlschläge als Lernschritte akzeptiert, bekommt eine der dichtesten Spielewelten der letzten Dekade.
- Wer nach zwei Stunden Frust abbricht, sollte vorher einen Gameplay-Ausschnitt schauen.
- Für Besitzer älterer Versionen lohnt der Blick auf die aktuelle Store-Seite, weil Updates und Erweiterungen inzwischen wieder verlässlich ausgeliefert werden.
Ein Spiel, das seinen Wert kennt
Rain World ist nie ein Publikumshit gewesen und wollte es auch nie sein. Genau deshalb wirkt der heutige Zustand wie eine späte Korrektur: Der Titel gehört nicht in eine Lizenzakte, sondern auf eine Festplatte. Wer ihn jetzt für ein paar Euro mitnimmt, kauft ein Stück Indie-Geschichte, das aus einem Studio mit wenigen Köpfen stammt. Der Regen fällt dort weiterhin, Zyklus für Zyklus, ohne Rücksicht auf den Spieler.