Der ewige Frust mit den Frisuren
Seit dem Sprung in die dritte Dimension kämpfen Rollenspiele mit einem Problem: weibliche Charakterfrisuren, die aussehen, als wären sie mit Kleber und Draht gezähmt. Statt fließender Locken gibt es meist kunstvolle Hochsteckfrisuren, die selbst einem Drachenangriff trotzen. Das Resultat: Haare, die sich wie ein Helm verhalten. Der Grund liegt in der Technik: Frühe 3D-Engines sparten Polygone für Haare, weil Echtzeit-Physik zu rechenintensiv war. Selbst aktuelle Titel wie The Witcher 3 (2015) oder Final Fantasy XIV verwenden oft starre Haar-Strähnen, die nur bei Zwischensequenzen animiert werden.
Die Technik dahinter: Warum Frisuren oft scheitern
Die Herausforderung liegt in der Simulation. Ein einzelner Haarschopf benötigt Tausende von Partikeln oder Strähnen, die Kollisionen mit Schultern, Rüstung und Wind berechnen müssen. Die Witcher 3 etwa nutzte für Geralts Mähne eine vereinfachte Physik, bei weiblichen Nebencharkteren war das Budget oft halbiert. Dragon Age: Inquisition (2014) setzte auf die Frostbite Engine, die für Shooter optimiert war. Haar-Physik wurde nachgerüstet, führte aber zu clipping durch Rüstungen. Branchenweit gilt: Ein durchschnittlicher Hauptcharakter in einem Open-World-RPG hat 8.000 bis 15.000 Polygone für Haare. The Last of Us Part II (2020) erreichte über 100.000, ein Extremwert, der nur durch strikte Linealität möglich war.
Die Community schlägt zurück
Auf Instagram, TikTok und YouTube zeigen Spielerinnen jetzt, wie diese Game-Frisuren in echt aussehen. Die Videos sind bewusst übertrieben und treffen den Nagel auf den Kopf.
- Verfluchte Zöpfe: Mindestens sechs Zopf-Optionen pro Spiel, und keine passt zur Rüstung.
- Chaotische Dutt-Frisuren: Sieht aus, als hätte eine Eule im Haar genistet. Perfekt für die „Auserwählte“-Rolle.
- Langes Haar ohne Physik: Keine Bewegung, selbst bei Heftig-Attacken. Ein einziger Mega-Haarbüschel.
- Fransen mit wildem Zopf: Ein Mini-Zopf mitten auf der Stirn, „elegante Kampfmaschine“?
- Langes Haar, das kurz wirkt: Seltsame Wickel und Knoten, die Masse vortäuschen.
Ein Video auf TikTok mit dem Hashtag #RPGHaareChallenge sammelte im März 2024 über 3,5 Millionen Aufrufe. Die Nutzerin cosplay_crunch zeigte, wie eine in echt geflochtene Frisur mit Gel und Haarspray, ähnlich dem „Helmlook“ aus Elder Scrolls Online, nach 20 Minuten auseinanderfällt. Die Kommentare quittierten es mit „Realismus, den niemand wollte“. Parallel dazu veröffentlichte der YouTube-Kanal GamingHairstyles eine Analyse: Von 50 untersuchten RPGs aus den Jahren 2015–2023 hatten 42 nur eine einzige physikalisch animierte Strähne, die restlichen waren starr.
Von Dreadwolf zu Veilguard: BioWares langer Weg
BioWare wurde 1995 in Edmonton gegründet und prägte das moderne RPG mit Titeln wie Baldur’s Gate (1998) und Mass Effect (2007). Die Dragon Age-Reihe begann 2009 mit Origins, das 3,2 Millionen Exemplare im ersten Jahr verkaufte. Dragon Age II (2011) folgte mit gemischten Kritiken wegen repetitiver Umgebungen. Inquisition (2014) brachte den Durchbruch: über 12 Millionen verkaufte Einheiten, Game of the Year. Die Entwicklung von Dragon Age: The Veilguard (ursprünglich als Dreadwolf angekündigt) begann 2015, wurde aber mehrfach umstrukturiert. Nach dem Abgang von Schlüsselautoren wie Mike Laidlaw (2016) und einem Projekt-Neustart 2019 setzte BioWare auf die überarbeitete Frostbite Engine. Deren Haar-Physik wurde für Anthem (2019) grundlegend überarbeitet, jedoch nie für fließende lange Haare genutzt, ein Problem, das Veilguard nun adressiert.
Hoffnungsschimmer am Horizont
Dragon Age: The Veilguard zeigt, wie es besser geht. Jede einzelne Strähne der hüftlangen Haare reagiert auf Wind und Bewegung. Das Sahnestück: Die Auswahl an POC-Frisuren geht weit über die üblichen Kurzhaar-Optionen hinaus. Die Frostbite Engine leistet ganze Arbeit. Konkret nutzt das Spiel einen GPU-basierten Partikelsimulator, der für jeden Charakter bis zu 25.000 Strähnen in Echtzeit berechnet. Das ist vergleichbar mit Horizon Forbidden West (2022) und dessen Decima-Engine, die für Aloys Zöpfe eine eigene Kollisionsschicht implementierte.
Trotzdem bleibt Luft nach oben. Bis mehr Studios den Aufwand für fließendes Haar betreiben, werfen wir weiter einen Blick auf diese magischen, schwerelosen Haarsprays aus den Spielen. Vielleicht gibt es die ja bald im echten Handel. Ein erster Anlauf kam 2023 von der Firma L’Oréal mit einer „Gaming Hair“-Kampagne, die jedoch keine technische Umsetzung lieferte.