Der Pferdefuß
Das italienische Indie-Studio Santa Ragione hat öffentlich gemacht, dass das Projekt „Horses“ das Team verlassen hat, mit einem Schuldenberg von 42.000 Dollar. Die genauen Umstände sind unklar: Ob „Horses“ ein unveröffentlichtes Spiel, ein abgebrochener Prototyp oder sogar ein Teammitglied war, bleibt Spekulation. Die Formulierung „has left the studio“ lässt Raum für Interpretationen.
Das Studio Santa Ragione
Santa Ragione wurde 2012 in Mailand gegründet. Gründer Pietro Righi Riva und Tommaso Loi kamen aus der Kunst- und Musikszene, nicht aus der klassischen Spieleentwicklung. Das Studio spezialisierte sich auf experimentelle, narrative Spiele mit starkem Fokus auf Atmosphäre und Minimalismus. Vor „Horses“ veröffentlichte Santa Ragione drei eigene Titel und arbeitete an mehreren Auftragsprojekten für Museen und Kulturinstitutionen.
Frühere Projekte: FOTONICA und Wheels of Aurelia
„FOTONICA“ (2014) war der erste kommerzielle Erfolg des Studios. Das Spiel ist ein minimalistischer Platformer, in dem der Spieler durch abstrakte, farbenfrohe Level läuft. Die Steuerung beschränkt sich auf eine Taste, Laufen und Springen sind synchronisiert. FOTONICA erschien auf PC, iOS und Android und verkaufte laut Entwicklerangaben über 200.000 Einheiten (Stand 2016). Der Metacritic-Score liegt bei 75.
„Wheels of Aurelia“ (2016) folgte als interaktiver Roadtrip entlang der italienischen Küste der 1970er Jahre. Das Spiel setzt auf Dialoge und Entscheidungen, die die Reise beeinflussen. Es erhielt gemischte Kritiken (Metacritic 72) und verkaufte sich schwächer als FOTONICA. Schätzungen aus der Steam-Datenbank deuten auf rund 30.000 bis 50.000 Verkäufe hin.
Beide Spiele finanzierte Santa Ragione teils über öffentliche Förderungen der italienischen Kulturbehörden und teils über eigene Mittel. Das Studio arbeitete zeitweise mit nur drei bis fünf festen Mitarbeitern und wechselnden Freelancern.
Was bedeutet das für Santa Ragione?
Die 42.000 Dollar Schulden sind für ein kleines Indie-Studio ein harter Brocken. Santa Ragione hat die Information selbst öffentlich gemacht, ein seltener Schritt in der Spielebranche. Das Studio arbeitet derzeit an neuen Titeln, deren Namen noch nicht bekannt gegeben wurden. Ob die finanziellen Verluste die Entwicklung beeinflussen, ist nicht bekannt.
Die 42.000 Dollar im Branchenkontext
42.000 Dollar entsprechen etwa den Jahresbruttokosten eines einzigen Angestellten in Norditalien (Gehalt plus Sozialabgaben). Für ein Studio mit drei Festangestellten bedeutet das den Verlust von rund einem Viertel des Jahresbudgets oder mehr. Vergleichbare Fälle in der Indie-Szene: Das US-Studio Frogwares verschuldete sich 2020 mit rund 200.000 Dollar für die Entwicklung von „The Sinking City“, konnte die Schulden später durch Crowdfunding tilgen. Das deutsche Studio Daedalic Entertainment hatte 2022 einen Schuldenberg von mehreren Millionen Euro und wurde schließlich übernommen.
Santa Ragiones Offenheit ist ungewöhnlich. Die meisten Indie-Studios kommunizieren Finanzprobleme erst nach der Insolvenz oder verschweigen sie ganz. Die direkte Ansprache erinnert an die Retro-Ära, in der Entwickler wie Jeff Minter oder Jordan Mechner ihre finanziellen Hürden in Foren und Magazinen öffentlich machten.
Keine leeren Sättel
Die Schuldenlast könnte kommende Projekte beeinflussen. Santa Ragione muss entweder einen neuen Publisher finden, eine Crowdfunding-Kampagne starten oder Auftragsarbeit annehmen. Das Studio hat in der Vergangenheit bereits für das Museo Nazionale della Scienza in Mailand eine interaktive Installation entwickelt, eine mögliche Einnahmequelle, die unabhängig von Spieleverkäufen ist.
Direkt aus dem Pferdemaul
„Straight from the horse’s mouth“, so fasste Kotaku die Meldung zusammen. Für Fans von Santa Ragione bedeutet das erst einmal Abwarten. Ob „Horses“ jemals wieder auftaucht, ist ungewiss. Die 42.000 Dollar sind eine Mahnung: Auch kleine Perlen der Indie-Szene kämpfen mit harten Realitäten.