Kaninchenbau 2.0
Ein neuer Beitrag von Polygon zerlegt die zeitlose Wirkung von Serial Experiments Lain. Die Kernaussage: Die Serie fühlt sich an wie der Fall in Alice’s Kaninchenbau, nur dass man im digitalen Wunderland landet.
Wer den Anime aus den späten Neunzigern kennt, weiß: Hier gibt es keine lineare Handlung. Jede Folge wirft neue Fragen auf, statt Antworten zu liefern.
Studio und Produktion
Serial Experiments Lain entstand beim Studio Triangle Staff, das zuvor Macross Plus (1994) und die erste Staffel von The Big O (1999) produzierte. Regisseur Ryūtarō Nakamura und Autor Chiaki J. Konaka hatten freie Hand, ein Risiko für den Sender TV Tokyo, der 1998 eine 13-teilige Serie ohne Werbepartner finanzierte.
Konaka ließ sich von den Netz-Phänomenen der späten Neunziger treiben: IRC-Chats, E-Mail-Ketten, frühe Webcams. Die Produktion begann 1997, ein Jahr, bevor Google gegründet wurde. Das Budget pro Folge lag bei umgerechnet 150.000 US-Dollar, niedrig, aber typisch für experimentelle Nachtprogramme.
Surreale Ästhetik trifft auf frühe Netzkultur
Serial Experiments Lain spielt in einer Welt, die unserem damaligen Internet ähnelt, aber verzerrt, düster und voller philosophischer Fallstricke.
- Die bleiche, stumm wirkende Protagonistin Lain Iwakura
- Ein Untergrund-Chat, der Realität und virtuelle Identität verschmelzen lässt
- Kabel, Überwachung, eine geheimnisvolle KI namens „The Knights“
Jedes dieser Elemente zieht den Zuschauer tiefer hinein. Polygon vergleicht das Erlebnis mit einem self-perpetuating rabbit hole.
Veröffentlichungen und Vermächtnis
Der Anime lief 1998 auf TV Tokyo und wurde in Japan auf Laserdisc und später DVD veröffentlicht. In Nordamerika brachte Pioneer (heute Geneon) die Serie 1999 auf VHS und DVD. Eine PlayStation-Adaption erschien 1998 in Japan, entwickelt von Pioneer LDC, ein Point-and-Click-Adventure, das die Handlung erweitert.
- Dreamcast-Port (2000) mit neuer Sprachausgabe
- Manga-Adaption von Yoshitoshi ABe (Erstveröffentlichung 1998, drei Bände)
- Soundtrack von Reichi Nakaido und Chabo, oft als eigener Kult-Titel gehandelt
Bis 2025 wurden weltweit über 500.000 DVD- und Blu-ray-Einheiten verkauft. Die Serie wurde 2022 von Funimation (jetzt Crunchyroll) neu aufgelegt, mit restaurierten Masterbändern.
Warum der Vergleich mit Alice perfekt ist
In Lewis Carrolls Geschichte fällt Alice in eine absurde Welt, die eigenen Regeln folgt. Lains Welt tut das auch, nur dass die Regeln aus Binärcode und Trauma bestehen.
- Alice isst Kuchen, um zu wachsen, Lain hackt sich selbst.
- Alice trifft auf die Grinsekatze, Lain trifft auf Versionen ihrer selbst.
- Beide Geschichten enden offen, fast unbefriedigend.
Das macht den Anime für Retro-Gamer und Cyberpunk-Fans so faszinierend: Er verweigert die einfache Auflösung.
Einfluss und Rezeption
Serial Experiments Lain beeinflusste Spiele wie Cyberpunk 2077 (Quests um digitale Identität), Observer (Surrealismus in Netzen) und die Ästhetik der Vaporwave-Bewegung. Auf MyAnimeList steht die Serie mit 7,9 von 10 Punkten, ein Zeichen für anhaltende Kultrelevanz, nicht für Mainstream-Erfolg.
Kritiker vergleichen Lain oft mit Ghost in the Shell (1995), doch der Ton ist nihilistischer. Die Serie hatte 1998 in Japan eine Einschaltquote von unter 3 Prozent, zu niedrig für einen zweiten Durchlauf. Erst die internationale DVD-Veröffentlichung machte sie zum Geheimtipp.
Immer noch relevant?
Der Polygon-Artikel argumentiert, dass Serial Experiments Lain heute sogar noch stärker wirkt als zur Erstausstrahlung. Die Themen, Überwachung, digitale Identität, die Vermischung von Online und Offline, sind längst Alltag.
Wer sich auf die Serie einlässt, erlebt keinen normalen Anime-Marathon. Es ist ein Trip durch einen Kaninchenbau aus Glasfaserkabeln, aus dem man verändert wieder auftaucht, oder gar nicht.