Eigentor Nummer soundsoviel
Sony schränkt den Vertrieb von Marvel Tōkon durch die erzwungene Verknüpfung mit einem PlayStation Network (PSN)-Konto weltweit massiv ein. Spieler in über 100 Ländern erhalten auf Steam keinen Zugriff auf den Titel, da Sony dort keine offizielle Netzwerkinfrastruktur betreibt. Das führt dazu, dass die Kaufoption für betroffene Regionen vollständig ausgeblendet wird.
Die Strategie folgt dem aktuellen Kurs der PlayStation Studios, PC-Umsetzungen stärker in das eigene Ökosystem zu integrieren. Diese Vorgabe betrifft primär Titel, die von Sony als "Live-Service" oder mit Multiplayer-Fokus vermarktet werden. Bei Singleplayer-Titeln wie God of War oder Horizon Zero Dawn verzichtete der Konzern bisher auf diesen Zwang.
Wer steckt hinter Marvel Tōkon?
Entwickelt wurde Marvel Tōkon von Zenith Interactive, einem Studio, das bisher vor allem für taktische Beat-’em-up-Spiele auf Konsolen bekannt war. Das Team erlangte durch die Strike-Force-Serie Bekanntheit, die sich durch schnelle Animationen und komplexe Combos auszeichnete. Dies ist das erste Projekt des Studios, bei dem ein globaler Publisher wie Sony das Ruder für die PC-Portierung führt.
Die Zusammenarbeit mit Sony soll die Reichweite des Spiels erhöhen, ironischerweise konterkariert der PSN-Zwang diesen Effekt. Das Studio hat intern bereits Erfahrung mit Cross-Play-Implementierungen gesammelt, doch die Kopplung an ein regionalspezifisches Konto liegt außerhalb ihres direkten Einflussbereichs.
Was genau läuft schief?
Die technische Barriere basiert auf den Nutzungsbedingungen von Sony, die eine Verifizierung des Wohnortes via PSN fordern. Da Sony in zahlreichen Ländern Afrikas, Südamerikas und Osteuropas keine Server oder Support-Strukturen unterhält, können Nutzer dort kein Konto erstellen, ohne gegen die AGB zu verstoßen.
- Die Steam-API verweigert den Kaufabschluss, wenn die IP-Adresse des Nutzers einer gesperrten Region zugeordnet ist.
- Der PSN-Zwang greift bereits beim ersten Start des Spiels, was eine Rückerstattung nach der zweistündigen Steam-Frist erschwert.
- Nutzer berichten von Fehlermeldungen (Fehlercode: CE-34878), sobald sie versuchen, den Login-Screen durch Proxys zu umgehen.
Vergleichbare Releases und Historie
Das Muster der Ländersperren wurde bei Helldivers 2 im Mai 2024 massiv kritisiert. Nach einem sogenannten "Review-Bombing" auf Steam und massiven Rückerstattungsforderungen hob Sony den PSN-Zwang für diesen Titel kurzfristig auf. Auch bei Ghost of Tsushima: Director’s Cut gab es kurz vor Release eine Debatte, da Sony die PC-Version in Regionen ohne PSN-Support erst nach massiven Protesten kurz vor Verkaufsstart für den Singleplayer-Modus freigab.
Im Gegensatz dazu blieb Returnal bei seinem PC-Release im Jahr 2023 weitgehend unproblematisch, da hier die Konto-Verknüpfung optional blieb. Sony nutzt die verpflichtende Bindung nun als Werkzeug für die eigene Nutzerstatistik, um Quartalszahlen gegenüber Investoren mit aktiven PSN-Accounts zu untermauern.
Spieler zahlen die Rechnung
Die Community reagiert mit negativen Rezensionen auf der Plattform Steam, was die Sichtbarkeit des Spiels kurz nach dem Start belastet. Für Spieler in Regionen wie den Philippinen, Venezuela oder der Ukraine bleibt nur der Verzicht oder die Nutzung von VPN-Diensten. Ein VPN verstößt jedoch gegen die Nutzungsbedingungen der Plattform, was im Extremfall zu einer Sperrung des gesamten Steam-Accounts führen kann.
- Marvel Tōkon ist in der aktuellen Form für schätzungsweise 15 bis 20 Prozent der weltweiten Steam-Nutzer nicht legal erreichbar.
- Professionelle E-Sport-Teams aus den betroffenen Regionen können an offiziellen Turnieren nicht teilnehmen, da sie das Spiel nicht auf offiziellen Servern trainieren können.
Ein alter Bekannter
Sony verfolgt eine Strategie, die vor allem auf die Kontrolle über die Datenhoheit der Spieler abzielt. Während andere Publisher wie Ubisoft oder EA ihre eigenen PC-Launcher in fast allen Ländern operativ halten, verlässt sich Sony bei der PC-Expansion auf eine Infrastruktur, die seit der PS3-Ära existiert und geografisch nie vollständig ausgebaut wurde.
Es gibt keine Anzeichen dafür, dass das PlayStation Network zeitnah in den gesperrten Ländern lizenziert wird. Ohne eine offizielle Anpassung der API-Vorgaben durch Sony bleibt Marvel Tōkon für Millionen Spieler weltweit ein verschlossenes Produkt. Die Entwickler von Zenith Interactive haben bisher keine Stellungnahme veröffentlicht, ob sie eine Offline-Option oder eine Umgehung des Logins planen.