Der sitzende Gamer, ein alter Bekannter
Wer täglich Stunden vor Bildschirmen verbringt, sammelt vor allem eines: Sitzfleisch. Bewegungsmangel ist der stille Begleiter vieler Zocker.
Doch die Gaming-Industrie hat längst erkannt, dass Controller und Bewegung kein Widerspruch sein müssen. Im Gegenteil: Fitness lässt sich clever in den Spielalltag einbauen, ohne dass der Highscore leidet.
Walking Pads: Laufen, während die Bosgegner wüten
Ein Walking Pad unterm Schreibtisch ist die wohl simpelste Lösung. Leise, flach und speziell für den Steh-Sitz-Mix entwickelt.
- Keine Pause nötig: Einfach aufs Band steigen und loslatschen, während der Charakter im Spiel stillsteht oder in Menüs navigiert.
- Ideal für RPGs oder Strategiespiele, bei denen es längere ruhige Phasen gibt.
- Die Schritte zählen ganz nebenbei, tausende Kilometer sind so in einer Woche drin.
Der Marktführer Kingsmith brachte 2019 das WalkingPad A1 Pro auf den Markt. Das chinesische Unternehmen wurde 2015 in Shenzhen gegründet und entwickelte vorher vor allem höhenverstellbare Stehpulte. Bis 2023 verkaufte Kingsmith über eine Million Walking Pads. Konkurrent LifeSpan Fitness aus den USA bietet mit dem TR1200-DT5 ein Modell mit integrierter App-Anbindung, das speziell für Schreibtischarbeiter, und zunehmend Gamer, optimiert ist. Laut einer Marktanalyse von Grand View Research wuchs der globale Markt für Schreibtisch-Laufbänder von 2019 bis 2023 um durchschnittlich 15,3 % pro Jahr. Der Preis für ein Einsteiger-Walking Pad liegt zwischen 300 und 500 Euro, deutlich günstiger als ein Laufband fürs Training.
VR-Headsets: Fitness als Spielprinzip
Virtual Reality verwandelt Bewegung automatisch in Spielmechanik. Titel wie Beat Saber, Supernatural oder Pistol Whip machen das Workout zum Kernfeature.
- Schwingen, ducken, ausweichen: Das Herz pumpt, die Arme brennen, und der Spaß bleibt hoch.
- Wer keine separate Fitness-App will, nutzt einfach die spielerische VR-Welt, da sammeln sich die Schritte von ganz allein.
- Viele VR-Spiele tracken Kalorienverbrauch und Bewegungsdauer. Ein echter Gewinn für die Gesundheit.
Beat Saber wurde 2018 vom tschechischen Studio Beat Games (Gründer Jiri Votruba und Jan Ilavsky) veröffentlicht. Das Rhythmusspiel verkaufte sich bis 2022 über vier Millionen Mal. 2019 übernahm Facebook (heute Meta) das Studio für geschätzte 100 Millionen Dollar. Supernatural stammt von Within, einer Firma, die Chris Milk und Aaron Koblin 2014 gründeten. Within produzierte zuvor VR-Dokumentationen wie Clouds Over Sidra (2015). Supernatural startete 2020 als Abo-Fitnessdienst für Oculus Quest und zählt nach Meta-Angaben über eine Million Abonnenten. Pistol Whip kommt von Cloudhead Games aus Vancouver, das Studio wurde 2012 bekannt durch die VR-Puzzleserie The Gallery (2016–2018). Pistol Whip erschien 2019 und verkaufte in den ersten sechs Monaten über 300.000 Einheiten. Zum Vergleich: FitXR (früher BoxVR) bietet ebenfalls Fitness in VR und verzeichnete 2022 über 50 Millionen absolvierte Workouts.
Apps, die Schritte in Abenteuer verwandeln
Das Smartphone unterwegs? Zombies, Run! oder The Walk machen daraus ein interaktives Hörspiel. Ihr geht spazieren, die App erzählt eine Geschichte und misst eure Fortschritte.
- Kein starrer Bildschirm mehr: Die reale Umgebung wird zur Spielwelt.
- Schrittzähler und GPS-Tracking belohnen Bewegung mit Ingame-Items oder Story-Fortschritt.
- Perfekt für Pausen zwischen den Sessions oder als aktiver Ausgleich am Tag.
Six to Start aus London brachte Zombies, Run! 2012 auf den Markt. Die Gründer Naomi Alderman, Adrian Hon und Matt Wieteska hatten zuvor das Alternate-Reality-Game Perplex City (2005) entwickelt. Zombies, Run! verzeichnet über eine Million Downloads und umfasst inzwischen acht Staffeln mit einer ausgearbeiteten Handlung. Die App wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Webby Award für das beste Smartphone-Spiel. The Walk (2014), ebenfalls von Six to Start, funktioniert ähnlich, aber mit einer Spionagegeschichte. Das Konzept bewegungsbasierter Spiele ist nicht neu: Pokémon GO (2016) von Niantic zeigte, dass GPS-Spiele Massen in Bewegung versetzen, mit über einer Milliarde Downloads. Im Vergleich dazu setzen Zombies, Run! und The Walk gezielter auf narrative Motivation statt auf Sammelmechaniken.
Die Industrie liefert, der Rest liegt bei euch
Ob Walking Pad, VR-Headset oder eine simple App: Die Tools sind da, um Fitness und Gaming zu verbinden. Niemand muss mehr stundenlang regungslos auf dem Sofa hocken. Der erste Schritt beginnt nicht im Spiel, sondern im echten Leben, und den habt ihr selbst in der Hand.
Die Hardware-Hersteller ziehen nach: Meta integriert in seiner Quest-Plattform einen systemweiten Bewegungstracker, der aktive Minuten erfasst. Apple bewirbt die Apple Watch als Fitnessbegleiter fürs Gaming mit dem Activity Sharing-Feature. Und das Start-up PlayStation brachte 2023 mit PSVR2 ein Headset auf den Markt, dessen Spiele wie Horizon Call of the Mountain gezielt Armbewegungen fordern. Die Verkaufszahlen der PSVR2 liegen bei rund zwei Millionen Einheiten (Stand Mitte 2024), ein Indikator dafür, dass Bewegung beim Zocken langsam zum Standard wird.