Erste Siedlung
Letzte Woche durfte ich eine Alpha-Version von The First Explorers anspielen. Das deutsche Solo-Projekt von Entwickler Jens Mülders steckt in einer sehr frühen Phase.
- Nur die Wirtschaftsschleife ist spielbar
- Karte begrenzt auf eine kleine Lichtung
- Kein Kampfsystem, keine KI-Gegner
Trotz der Lücken zeigt sich sofort: Dieses Spiel hat Siedler-DNA.
Vertraute Mechaniken
Wer Siedler 2 bis Siedler 4 liebt, erkennt jede Referenz. Die Rohstoffkette beginnt mit Holzfäller und Sägewerk, führt über Steinbruch zur Schmiede.
- Gebäude werden direkt auf die Karte gesetzt
- Wegenetz entsteht automatisch zwischen Produktionsstätten
- Waren werden per Handkarren transportiert, wie anno dazumal
Die Steuerung fühlt sich altbekannt an. Der Entwickler hat den Siedler-typischen Kreislauf von Rohstoffabbau, Veredelung und Baufortschritt exakt nachgebildet.
Noch viel Arbeit, aber viel Herz
Momentan fehlen:
- Mehrere Siedler-Typen (nur Holzfäller, Bauer, Schmied vorhanden)
- Missionsziele oder Endlos-Modus
- Technologiebaum
Mülders schreibt auf seiner Webseite, dass er das Spiel allein entwickelt. Die aktuelle Version sei eine „Tech-Demo“ ohne Balancing.
Grafik und Atmosphäre
Die Optik erinnert an Siedler 4 mit leicht modernisierten Texturen. Figuren wuseln über den Bildschirm, Bäume fallen um, Häuser wachsen aus dem Boden.
Die Kamera ist isometrisch und frei drehbar. Kein 3D-Brimborium, aber sauberer Pixel-Look mit hübschen Schatten.
Der Entwickler und seine Motivation
Jens Mülders arbeitet seit 2018 als Solospieleentwickler. Zuvor war er bei einem kleinen Studio in Köln an einem nicht veröffentlichten Strategiespiel beteiligt. Sein erstes eigenes Projekt war das Puzzlespiel Crate Stacker (2021), das auf itch.io rund 500 Downloads erzielte. Auf seiner Patreon-Seite gibt Mülders an, dass er The First Explorers als Hommage an Siedler 4 entwickelt, das er als Teenager hunderte Stunden spielte. Die Entwicklung läuft seit März 2023.
Einordnung in die Aufbau-Renaissance
The First Explorers tritt in eine Nische, die in den letzten Jahren viele neue Projekte sah. Pioneers of Pagonia (2023) von Envision Entertainment, gegründet von Siedler-Urgestein Volker Wertich, verfolgt ähnliche Ziele, setzt aber auf 3D-Grafik und KI-Gegner. Auch Farthest Frontier (2022) und Manor Lords (2024) bedienen den Wunsch nach komplexen Wirtschaftsketten, allerdings mit stärkerem Fokus auf Überlebenselemente. Die Enttäuschung über The Settlers: New Allies (2023), das von Ubisoft veröffentlichte Reboot erhielt auf Steam nur 39 % positive Bewertungen, öffnet den Markt für Retro-Inspirierte wie dieses Soloprojekt.
Die historischen Vorbilder
Siedler 2 (1996) von Blue Byte setzte den Standard: 8 Rohstoffe, Gebäudeketten, Warentransport per Träger. Es verkaufte sich über 800.000 Mal. Siedler 3 (1998) führte Helden und Seehandel ein, Siedler 4 (2001) brachte eine isometrische Kamera und Fraktionen mit eigenen Bauten. Letzteres erreichte 1,2 Millionen verkaufte Einheiten. Mülders kopiert bewusst das Wirtschaftssystem von Siedler 4, inklusive der Logik, dass Gebäude nur dann Waren produzieren, wenn der Weg zur nächsten Station frei ist. Dieses Detail fehlt vielen modernen Klonen.
Fazit nach zwei Stunden
Die Grundlage stimmt. Wer auf Wirtschaftssimulation mit klaren Regeln steht, wird hier fündig. Eine Veröffentlichung ist für 2026 geplant, ein Steam-Eintrag existiert bereits.
The First Explorers ist kein revolutionäres Spiel. Es ist eine Liebeserklärung an die alten Siedler-Teile. Genau das will die Szene hören.