Rekordzahlen in schwierigen Zeiten
Der globale Spielemarkt hat laut Analysefirma Newzoo erstmals die 200 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz überschritten. Das sind 9,1 Prozent mehr als 2023 (183,9 Milliarden). 2020 hatte die Pandemie einen Sprung auf 177,8 Milliarden gebracht, 2022 fiel der Markt auf 184 Milliarden zurück. Jetzt klettert die Zahl über die historische Schwelle. Ein Jahr voller Hiobsbotschaften, und dann das. Die Industrie scheint sich von den Krisen nicht aufhalten zu lassen. Der Umsatzsprung zeigt: Gaming bleibt ein Massenphänomen. Die aktuelle Rate liegt deutlich über der durchschnittlichen Wachstumsrate der letzten fünf Jahre (6,2 Prozent).
Mobile Gaming als Wachstumsmotor
Der stärkste Sektor bleibt das Mobile Gaming. Laut Data.ai entfielen 2024 rund 60 Prozent des Marktumsatzes auf Smartphone-Spiele. Chinesische Titel wie Honor of Kings von Tencent setzten 2023 knapp 1,6 Milliarden US-Dollar um, PUBG Mobile (ebenfalls Tencent) weitere 1,2 Milliarden. Genshin Impact von miHoYo, veröffentlicht 2020, spielte 2023 rund 900 Millionen ein, trotz sinkender Beliebtheit. miHoYo, 2012 als Studio mit drei Leuten gegründet, hatte vor Genshin Impact nur die Mobile-Reihen Houkai Gakuen (2014) und Houkai Impact 3rd (2016) veröffentlicht. Der weltweite Erfolg des Open-World-Gacha-Spiels veränderte die Branche: Konkurrenten wie Nintendo und Sony forcierten daraufhin Mobile-Adaptionen, Nintendos Fire Emblem Heroes spielte bis 2024 über eine Milliarde Dollar ein.
Konsolen und PC: Live-Service dominiert
Auf Konsolen und PC stiegen die Ausgaben um 5 Prozent auf 52 Milliarden Dollar. Call of Duty (Activision) bleibt das umsatzstärkste jährliche Franchise, Modern Warfare III (2023) spielte laut Activision in den ersten zehn Tagen 600 Millionen ein. EA Sports FC (ehemals FIFA) setzte nach der Trennung von FIFA 2023 rund 1,8 Milliarden im Launch-Jahr um. Im PC-Sektor treiben Plattformspiele wie Counter-Strike 2 (Valve, Oktober 2023) und Valorant (Riot Games, 2020) das Geschäft mit Skins und Battle-Pässen. Valve, bekannt für Steam und die Half-Life-Reihe (1998), hat mit CS2 die hauseigene Source-Engine modernisiert und profitiert von einer Community mit über 30 Millionen monatlichen Spielern. Riot Games, 2006 von Brandon Beck und Marc Merrill gegründet, veröffentlichte 2009 League of Legends, das Spiel generierte 2023 laut Schätzungen 1,8 Milliarden Dollar durch Kosmetik-Verkäufe und ist der Kern des weltweit größten eSport-Ökosystems.
Zwiespältige Bilanz: Entlassungen trotz Rekord
Die 200 Milliarden stehen im Kontrast zu den Massenentlassungen. Allein 2023/2024 verloren über 20.000 Entwickler ihren Job. Microsoft entließ nach der 69-Milliarden-Übernahme von Activision Blizzard im Oktober 2023 rund 1.900 Mitarbeiter, darunter große Teile des Kundendienstes und QA-Teams. Embracer Group, ein schwedischer Verlagskonzern, schloss 2023 die Studios Volition (Saints Row, zuvor Descent, Freespace) und Free Radical Design (TimeSplitters, Second Sight). Unity Technologies kündigte im Januar 2024 den Abbau von 1.800 Stellen an. Das Geld der Spieler fließt in große etablierte IPs, viele Publisher scheuen Risiken. Kleine Studios kämpfen um Sichtbarkeit, während Triple-A-Produktionen mit Budgets von 200 Millionen plus die Gewinne konzentrieren. Bungie, Entwickler von Destiny 2 (2017) und zuvor Halo (2001–2010), entließ im Oktober 2023 8 Prozent seiner Belegschaft, obwohl Destiny 2 jährlich über eine Milliarde Dollar umsetzt.
Die Gewinner und Verlierer
Die Analysefirma deutet den Rekord als Beleg für die Stabilität des Marktes. Die 9,1 Prozent Steigerung sind beachtlich, aber täuschen über strukturelle Probleme hinweg. Der Großteil des Wachstums geht auf Preiserhöhungen und Mikrotransaktionen zurück, nicht auf mehr Spieler. Die Anzahl aktiver Gamer stieg laut Newzoo nur um 3 Prozent auf 3,4 Milliarden. Publisher setzen auf sichere Nummern: Remakes (The Last of Us Part I, Dead Space), Fortsetzungen (Final Fantasy VII Rebirth) und Live-Service-Titel (Suicide Squad: Kill the Justice League, das floppte mit geschätzten Verlusten von 200 Millionen). Der Druck auf Kreativität wächst. Im Februar 2024 meldete Team17 (Worms-Serie seit 1995) die Schließung seines Indie-Labels The Label, obwohl der Publisher selbst Rekordumsätze verbuchte, 203 Millionen Pfund 2023.