Die „Mehr Spaß“-Behauptung ist Geschichte
Letztes Jahr sorgte Ubisoft mit einer Aussage für Kopfschütteln: Mikrotransaktionen machen Spiele spaßiger. Das stand im Finanzbericht für das dritte Quartal 2022/23, veröffentlicht im Februar 2023. Die Passage argumentierte, Premium-Währung und kosmetische Items böten „Mehrwert“ für Spieler. Der massive Gegenwind im Netz ließ nicht lange auf sich warten.
Jetzt, im aktuellen Finanzbericht des Publishers (Q1 2024/25, veröffentlicht am 26. Oktober 2023), fehlt der Satz. Offenbar hat man in Montreal oder Paris die Zeichen der Zeit erkannt. Die viel verspottete Phrase glänzt durch pure Abwesenheit.
Finanzielle Hintergründe der Aussage
Ubisoft erzielte im Geschäftsjahr 2022/23 einen Umsatz von 1,81 Milliarden Euro. Knapp 400 Millionen davon stammten aus Player Recurring Investment, Mikrotransaktionen, Battle-Pässe und Abos. Der Anteil wächst jährlich. Die verunglückte Formulierung sollte wohl Investoren beruhigen, nicht Spieler. Analysten der Investmentbank Jefferies hatten zuvor gefordert, Ubisoft müsse sein „Monetarisierungspotenzial“ stärker ausschöpfen.
Die Aussage traf auf ein ohnehin angespanntes Verhältnis zur Community. Assassin‘s Creed Valhalla (2020) hatte mit einem Shop für kosmetische Items und Zeitsparer-Paketen für knapp 10 Euro bereits für Unmut gesorgt. Der Shitstorm auf Reddit und Twitter zwang Ubisoft später, einige Preise zu senken. Die „Mehr Spaß“-Behauptung wirkte wie ein absurdes Marketing-Mantra, das niemand kaufte.
Was war passiert?
- Ubisoft verteidigte Mikrotransaktionen als Mehrwert für Spieler
- Die Aussage fand sich im Kontext von Premium-Währung und kosmetischen Items
- Spieler und Presse reagierten mit Hohn und Spott, zu Recht, wie viele fanden
Die Behauptung wirkte wie ein absurdes Marketing-Mantra, das niemand kaufte. Selbst treue Fans der Assassin‘s-Creed-Reihe zeigten sich verärgert. Ein Spieler startete eine Petition auf Change.org, die innerhalb von zwei Tagen über 30.000 Unterschriften sammelte. Ubisofts Kommunikationschef Michael Beadle twitterte damals: „Wir hören zu“, ohne konkrete Konsequenzen.
Assassin‘s Creed: Black Flag, Entwicklung und Vermächtnis
Das ursprüngliche Assassin‘s Creed IV: Black Flag (2013) wurde von Ubisoft Montreal entwickelt, dem größten Studio des Publishers mit über 4.000 Mitarbeitern. Es gilt als einer der beliebtesten Teile der Serie: 15 Millionen verkaufte Einheiten bis 2020, eine der höchsten Bewertungen der Reihe (Metacritic 86). Die Piraten-Thematik, die offene Welt und die Seeschlachten brachten frischen Wind. Das Spiel verzichtete weitgehend auf Mikrotransaktionen, es gab nur ein paar kosmetische DLCs.
Das Studio arbeitet aktuell an Assassin‘s Creed Codename Red (Japan-Setting) und Project Hexe (Europa, 16. Jahrhundert). Die Black-Flag-Neuauflage Resynced wurde von einem kleineren Team bei Ubisoft București umgesetzt, das zuvor am Assassin‘s Creed III Remastered (2019) beteiligt war. Die Remastered-Version von 2019 erhielt gemischte Kritiken, verkaufte sich aber dennoch über 2 Millionen Mal.
Assassin‘s Creed: Black Flag Resynced unter Beschuss
Parallel zum Rückzieher im Finanzbericht macht das frisch veröffentlichte Assassin‘s Creed: Black Flag Resynced (erschienen am 14. November 2023 für PS5, Xbox Series und PC) Schlagzeilen. Die Mikrotransaktionen in der Neuauflage sorgen für Unmut.
- Spieler berichten von teuren Währungspaketen: Das größte Paket „Jackdaw-Altlasten“ kostet 24,99 Euro, Freischaltungen für Schiffsrümpfe und Segelmuster liegen einzeln bei 2,99 bis 4,99 Euro
- Freischaltbare Inhalte wirken absichtlich umständlich gestaltet: Die legendären Piratenmissionen, in denen Edward Kenways Geschichte vertieft wird, sind nur mit Premium-Währung freischaltbar, insgesamt rund 35 Euro zusätzlich
- Der Eindruck entsteht: Weniger Spaß ohne Extra-Käufe, genau das Gegenteil der alten Behauptung
Auf der Steam-Seite des Spiels haben Spieler über 1.200 negative Bewertungen in den ersten drei Tagen hinterlassen, viele mit Bezug auf die Mikrotransaktionen. Ein Nutzer schrieb: „Ubisoft hat Black Flag in einen Geldautomaten verwandelt.“ Ubisoft schweigt bislang zu den konkreten Vorwürfen.
Mikrotransaktionen als Industriestandard
Ubisoft ist nicht allein. Electronic Arts erlöst mit FIFA Ultimate Team jährlich über 1,6 Milliarden Dollar. Activision Blizzard setzte in Call of Duty: Warzone mit Battle-Pässen und Skin-Bundles über 5 Milliarden Dollar um. Take-Two meldete für GTA Online wiederholte Rekordgewinne durch Shark Cards. Die Branche bewegt sich seit Jahren in diese Richtung.
Ubisoft versucht eine Mischung aus kosmetischen Items und Zeitsparern, Extra-Währung, die das Freischalten von Fähigkeiten und Ausrüstung beschleunigt. In Far Cry 6 (2021) gab es ähnliche Pakete, die Kritik riefen. In Rainbow Six Siege funktioniert das Modell dagegen erfolgreich, weil die Items rein kosmetisch sind und der Wettbewerb nicht beeinträchtigt wird. Die „Mehr Spaß“-Aussage versuchte, diese Praxis zu legitimieren.
Das Streichen der „Mehr Spaß“-Formel ist kein lautes Eingeständnis. Aber es zeigt: Der Publisher hört zu, zumindest wenn der Shitstorm groß genug ist. Ob sich das auch auf das Spieldesign von Black Flag Resynced auswirkt, bleibt fraglich.
Aktuell bekommen Spieler die Quittung für eine Strategie, die monetären Gewinn über Spielspaß stellt. Die ausradierte Behauptung ist ein kleiner, symbolischer Sieg für die Community. Ubisofts Aktie fiel am Tag der Veröffentlichung von Black Flag Resynced um 3,2 Prozent, auf 23,41 Euro, den tiefsten Stand seit drei Monaten.