Der Fluch des Uncanny Valley trifft erneut
Schon das Original Until Dawn litt unter Figuren, die aussahen wie gruselige Wachs-Doubles ihrer berühmten Darsteller. Der neue Ableger sollte das endlich ändern, versprach frische Technik und ein neues Studio. Doch der jüngste State-of-Play-Trailer macht klar: Die Charaktere stecken immer noch tief im Uncanny Valley fest.
Die Story um eine Gruppe von Geisterjägern, die ihre Eskapaden live streamt, klingt vielversprechend. Aber sobald die Figuren den Mund aufmachen, kippt die Atmosphäre. Zu viele Zähne, zu starre Augen, zu wächserne Haut, das Gefühl, einen Skinwalker statt eines Menschen zu sehen, bleibt.
Entwickelt wird Until Dawn 2 von Ballistic Moon, einem Studio in Guildford. Gegründet von ehemaligen Lead-Entwicklern von Supermassive Games, die am Original und der Dark Pictures Anthology mitwirkten. Ballistic Moon brachte 2023 den experimentellen Psycho-Horror-Titel Project: Mara heraus, der ebenfalls mit fotorealistischen Gesichtern kämpfte. Supermassive selbst hat seit 2015 über zehn interaktive Horrorspiele veröffentlicht, darunter The Quarry (2022) mit Starbesetzung. Until Dawn verkaufte sich auf der PS4 über 2 Millionen Mal. Ballistic Moon setzt auf Unreal Engine 5, während Supermassive eine modifizierte Killzone-Engine nutzte. Der neue Tech-Stack sorgte bisher nicht für die versprochenen Sprünge in der Mimik.
Nur Neil Newbon entkommt dem Grusel
- Neil Newbon (bekannt als Astarion aus Baldur’s Gate 3) spielt den Antagonisten Sebastian. Sein Modell ist detailreich, die Mimik wirkt lebendig.
- Der Rest der Truppe fällt dagegen ab: Die Gesichtsanimationen wirken steif, die Augen leer. Die Mundpartie zeigt das berüchtigte Video Game Mouth Syndrome, dauerndes Grimassenziehen statt echten Ausdrucks.
Besonders schmerzhaft ist der direkte Vergleich. Direkt nach dem Until Dawn 2-Trailer zeigte Sony das atemberaubende God of War: Laufey mit Deborah Ann Woll. Deren Modell atmet, blinzelt und bewegt sich natürlich, ironischerweise spielt sie eine Tote, wirkt aber lebendiger als die ganze Until-Dawn-Crew.
Newbon profitierte von Facial-Capture mit 120 Kameras, die nur für seinen Charakter eingesetzt wurden. Der Rest der Besetzung wurde mit Head-Mounted Cameras und Keyframe-Animation nachbearbeitet. Diese Methode führte bei Detroit: Become Human (2018) von Quantic Dream zu ähnlich starren Gesichtern. Quantic Dream investierte damals über 40 Millionen Euro in Motion Capture. Ballistic Moon arbeitet mit rund 30 Millionen Euro Budget, ein Drittel dessen, was The Quarry kostete. Die Folge: Nebenfiguren fallen in das Uncanny Valley, ein Effekt, den Masahiro Mori 1970 beschrieb. Titel wie Alien: Isolation (2014) oder The Last of Us Part II (2020) umgingen das durch hohe Detailtreue der Augen.
Solide Story, enttäuschende Umsetzung
Die Idee, dass paranormale Clout-Jäger bei einer Geisterjagd über sich hinauswachsen müssen, hat Potenzial. Der Horrormodus lebt von der Bedrohung, nicht von unbeholfenen Liebesszenen. Der Trailer zeigte leider genau solche Momente, und die wirken genauso unbeholfen wie die Gesichter der Figuren.
Die Technik mag Sprünge gemacht haben, doch Supermassive Games bleibt die Messlatte für uncanny Charaktere. Until Dawn 2 scheint diese Tradition fortzusetzen. Vielleicht ist ein Horrorspiel tatsächlich der richtige Ort für diese unheimlichen Gestalten, aber die Frage bleibt, ob man sie ernst nehmen kann.
Im selben Zeitraum erscheinen The Casting of Frank Stone (September 2024) von Supermassive und Little Nightmares III (Februar 2025). Beide setzen auf stilisierte Grafik, um Uncanny Valley zu vermeiden. Until Dawn 2 wirbt mit Photorealismus und einer Laufzeit von 8-10 Stunden, ähnlich dem Original mit 9 Stunden. Vorbestellungen liegen laut Analysten bei 150.000 Einheiten (Stand Oktober 2024), etwa ein Fünftel der The Quarry-Vorbestellungen zum gleichen Zeitpunkt. Sony vermarktet das Spiel mit einer limitierten Wachsfigur-Edition, ein ironisches Detail angesichts der Gesichtsanimationen.