Die Macht der Vorfreude
Ein epischer Trailer, erste Gameplay-Szenen, und schon zuckt der Finger in Richtung „Jetzt vorbestellen“. Publisher wissen dieses Gefühl zu nutzen: Exklusive Boni, limitierte Editionen und das schnöde Versprechen pünktlicher Lieferung zum Launch.
Doch die Verbraucherzentrale schlägt Alarm. Der Impuls, blind vorzubestellen, kann sich schnell als teurer Fehler entpuppen.
Die größten Risiken auf einen Blick
- Unfertige Spiele: Viele Titel erscheinen mit schweren Bugs oder Patches erst Monate später. Wer vorbestellt, zahlt den vollen Preis für ein Produkt, das kaum spielbar ist.
- Kein Rücktrittsrecht: Digitale Vorbestellungen lassen sich nach Release kaum stornieren. Anders als im Laden gibt es kein 14-tägiges Widerrufsrecht für heruntergeladene Codes.
- Hype vs. Realität: Trailer und Gameplay-Versprechen zeigen oft die beste Version. Die finale Qualität bleibt bis zum Release verborgen.
- Bonus-Inhalte schnell vergessen: Exklusive Skins oder Ingame-Währung verlieren nach wenigen Stunden ihren Reiz. Der Aufpreis für eine „Deluxe Edition“ war es selten wert.
Konkrete Fehlstarts der letzten Jahre
CD Projekt Red (Entwickler von The Witcher 3) verkaufte 8 Millionen Vorbestellungen für Cyberpunk 2077. Bei Release im Dezember 2020 war das Spiel auf Konsolen so verbuggt, dass Sony es aus dem Store nahm. Die Verbraucherzentrale verzeichnete daraufhin hunderte Beschwerden, da digitale Rückerstattungen verweigert wurden.
Hello Games (zuvor bekannt für die Joe Danger-Reihe) lieferte No Man’s Sky 2016 mit massivem Feature-Versprechen aus. 2,5 Millionen Käufer hatten vorab bestellt, und bekamen ein leeres Universum mit Server-Problemen. Das Studio brauchte drei Jahre, um die angekündigten Inhalte nachzureichen.
DICE (Entwickler der Battlefield-Serie) startete Battlefield 2042 im November 2021 mit 4,2 Millionen Vorbestellungen. Das Spiel fehlte grundlegende Features wie Scoreboard oder Klassen, die selbst 10 Jahre alte Teile der Reihe boten. Die Spielerzahl fiel innerhalb von zwei Monaten um 90 Prozent.
Die Geschäftslogik hinter Deluxe-Editionen
Vorbesteller-Boni finanzieren oft die Produktion bereits vor dem Release. Publisher nutzen sie, um Quartalszahlen zu glätten und Finanzdruck auf Entwickler zu erhöhen. Laut einer YouGov-Umfrage von 2023 bereuten 37 Prozent der Befragten ihre letzte digitale Vorbestellung, häufig wegen unfertiger Spiele oder nutzloser Bonus-Inhalte.
Die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg dokumentierte 2024 einen Anstieg von Beschwerden über digitale Vorabkäufe um 22 Prozent. Besonders häufig genannt: fehlende Stornierungsmöglichkeiten und nicht eingehaltene Qualitätsversprechen. Einige Plattformen wie Steam bieten mittlerweile eine Rückerstattung von Vorbestellungen vor dem Release an, jedoch nicht danach.
Was bleibt, ist Geduld
Die Verbraucherzentrale rät: Warten bis zum Release oder kurz danach. Dann sieht man echte Tests, Let's Plays und Bewertungen, kein geschönter Trailer mehr.
Wer den Launch-Day-Stress meidet, spart bares Geld. Preisnachlässe von 20 bis 30 Prozent sind keine Seltenheit, sobald der erste Hype verflogen ist. Cyberpunk 2077 etwa kostete sechs Monate nach Release statt 60 Euro nur noch 25 Euro bei reduzierten Bugs.
Eine Lektion aus der Retro-Ecke
Früher hat man Spiele im Laden angespielt oder ausgeliehen. Heute zahlen wir dafür, dass ein Spiel pünktlich im Postfach liegt. Die Vorfreude ist ein mächtiges Gefühl, aber kein Grund, das Portemonnaie blind zu öffnen.
Die Verbraucherzentrale hat mit ihrer Warnung einen wunden Punkt getroffen. Vielleicht ist es Zeit, den „Vorbestellen“-Knopf in Gedanken durch einen „Erstmal abwarten“-Knopf zu ersetzen.