Der große Reset bei Xbox
Asha Sharma, CEO von Xbox, hat in einem Interview mit Fortune erstmals detailliert erklärt, warum Microsofts Gaming-Sparte so radikal schrumpft. Ihre Kernaussage: „Wir haben uns einfach zu sehr verzettelt.“
Laut Sharma habe Microsoft über Jahre hinweg parallel mehrere Großprojekte vorangetrieben, Game Pass, die Multiplattform-Strategie und der Zukauf zahlreicher Studios. Das Ergebnis: „Wir haben uns nicht mehr auf das Kerngeschäft konzentriert.“
Sharma selbst ist erst seit 2023 im Amt. Zuvor war sie Chief Operating Officer bei Microsoft und half, die Übernahme von Activision Blizzard (69 Milliarden US-Dollar) zu integrieren. Der „Reset“ trifft nun genau jene Strukturen, die durch diese Mega-Akquisition entstanden sind.
Die Zahlen hinter den Kürzungen
- Rund 1.600 Mitarbeiter verlieren noch heute ihren Job bei Xbox.
- Weitere 1.600 Stellenstreichungen folgen im Laufe des nächsten Jahres.
- Konzernweit baut Microsoft 4.800 Stellen ab, etwa zwei Prozent der Belegschaft.
In einem internen Memo an die Belegschaft bezeichnete Sharma den aktuellen Zustand des Xbox-Geschäfts als ungesund. Ohne eine finanzielle Polsterung könne das Unternehmen den „Schock der Hardware-Krise“ nicht abfedern. Gemeint ist die anhaltende Knappheit an Komponenten und Speicher, die durch den KI-Boom weiter verschärft wird.
Zum Vergleich: Bereits im Januar 2024 strich Microsoft 1.900 Stellen bei der übernommenen Activision Blizzard, darunter das gesamte Customer-Service-Team von Blizzard und große Teile der Sledgehammer Games-Belegschaft. Die aktuellen Kürzungen sind die zweite große Welle innerhalb von 18 Monaten.
Studios werden abgestoßen oder ausgegliedert
Die Umstrukturierung geht weit über Entlassungen hinaus. Microsoft spinnt zwei Teams aus und verkauft zwei weitere:
- Double Fine und Compulsion Games werden als eigenständige Studios ausgegründet.
- Ninja Theory und Undead Labs stehen zum Verkauf, die Käufer sind noch nicht bekannt.
- Arkane Lyon, derzeit an Marvel’s Blade arbeitend, befindet sich in einem „Konsultationsprozess“, der über die Zukunft des Studios und des Projekts entscheiden soll.
Sharma spricht offen von einem „Reset“ für Xbox. Ein Großteil dieses Neustarts bestehe darin, die Organisation zu verkleinern und sich auf das zu konzentrieren, was wirklich funktioniert.
Double Fine und Compulsion: Zwei Studios mit Kultstatus
Double Fine wurde 2000 von Tim Schafer gegründet, dem Erzähler hinter Grim Fandango und Day of the Tentacle. Das Studio kultiviert eine Nische aus skurrilen Abenteuerspielen. Psychonauts 2 (2021) gilt als ihr bisher größter Erfolg: Metacritic-Wertung 89, über 1 Million verkaufte Einheiten.
Compulsion Games ist bekannt für We Happy Few (2018), ein dystopisches Survival-Spiel, das auf Kickstarter finanziert wurde. Microsoft kaufte das Studio 2018, doch der Titel erreichte nie die gewünschten Verkaufszahlen (geschätzt unter 500.000). Beide Studios sind nun freigestellt, sie können wieder unabhängig Projekte akquirieren.
Ninja Theory und Undead Labs: Vom Microsoft-Portfolio zum Verkauf
Ninja Theory wurde 2018 von Microsoft übernommen, kurz nach dem Release von Hellblade: Senua’s Sacrifice (2017). Das Spiel verkaufte sich über 1 Million Mal und gewann mehrere BAFTA-Awards. Ein Nachfolger, Senua’s Saga: Hellblade II, erschien im Mai 2024 für Xbox und PC, mit hochgelobter Grafik, aber gemischten Kritiken zur Spielzeit (rund 8 Stunden). Der Verkauf soll hinter den Erwartungen zurückgeblieben sein.
Undead Labs ist das Studio hinter der State of Decay-Reihe. State of Decay 2 (2018) erreichte über 10 Millionen Spieler, vor allem durch den Game Pass. Ein dritter Teil ist seit Jahren in Entwicklung, aber ohne konkretes Veröffentlichungsdatum. Microsoft hatte das Studio 2018 übernommen, um die Zombie-Survival-Serie exklusiv zu halten.
Arkane Lyon und die Zukunft von Marvel’s Blade
Arkane Lyon gilt als das kreative Herz von Arkane. Das Studio entwickelte Dishonored (2012), Dishonored 2 (2016) und Deathloop (2021), alles Titel mit hohen Kritikerwertungen (Metacritic 88–93). Deathloop verkaufte sich bis 2023 rund 5 Millionen Mal.
Das aktuelle Projekt Marvel’s Blade wurde im Dezember 2023 angekündigt. Es soll einen düsteren, taktischen Action-Titel bieten, eine Premiere für das Marvel-Superhelden-Genre. Der „Konsultationsprozess“ bedeutet, dass Microsoft entweder das Studio schließt oder verkauft, falls das Spiel nicht die internen Budgetvorgaben erfüllt. Ein Szenario, das an Prey (2017) erinnert, das trotz guter Kritiken kommerziell enttäuschte.
Branchenkontext: Der Preis des Wachstums
Microsofts Strategie des unbegrenzten Studio-Kaufs folgte dem Vorbild von Embracer Group, die ab 2020 über 100 Studios zukaufte, und 2024 selbst in eine Liquiditätskrise geriet. Embracer entließ 4.500 Mitarbeiter und schloss Volition (Saints Row).
Gleichzeitig kämpfen alle großen Publisher mit den Folgen der KI-getriebenen Hardware-Knappheit. Sony strich im Februar 2024 900 Stellen bei PlayStation Studios, darunter die Schließung des London Studio. Nintendo hält sich mit Entlassungen zurück, leidet aber unter Lieferengpässen für die Switch-Nachfolger.
Die Xbox-Sparte hat laut Sharma einen negativen Cashflow von geschätzt 200 Millionen US-Dollar pro Quartal. Der Verkauf von Studios wie Ninja Theory und Undead Labs soll die Bilanz kurzfristig entlasten, langfristig verliert Microsoft exklusive Marken, die über Jahre aufgebaut wurden.