Krisen-Interview: „Wir sind nicht in einer gesunden Position“
Asha Sharma hat sich in einem ausführlichen Gespräch mit Kotaku erstmals so deutlich zur Lage von Xbox geäußert. Die Chefin der Gaming-Sparte von Microsoft spricht Klartext: „Es ist nicht in einer gesunden Verfassung.“
Ihre Analyse ist keinesfalls übertrieben. Die nächsten 100 Tage sollen genutzt werden, um die Strategie komplett umzukrempeln, ein Reset des gesamten Geschäftsmodells steht an.
Hintergrund: Verkaufszahlen und Abonnenten
Die Hardware-Verkäufe der Xbox Series X|S liegen bei geschätzt 28 Millionen Einheiten (Stand Mitte 2024), weniger als die Hälfte der PlayStation 5 (über 50 Millionen). Game Pass zählt 34 Millionen Abonnenten, doch das Wachstum stagniert. Microsofts Gaming-Sparte erzielte zuletzt 7,1 Milliarden Dollar Quartalsumsatz, aber die Margen im Hardwareverkauf sind negativ: Jede verkaufte Konsole bringt Verlust, weil Microsoft auf Rabatte setzt, um Marktanteile zu halten. Redfall und Starfield, die größten Exklusivtitel des Jahres 2023, haben nicht genug Neukunden in den Game Pass gezogen.
Exklusivtitel unter Druck
- Die Exklusivpolitik gerät zunehmend unter Beschuss. Spiele wie Starfield oder Redfall haben nicht die erhoffte Zugkraft entwickelt.
- Sharma räumt ein, dass die Margen in der Spieleentwicklung und im Hardwareverkauf zu niedrig sind.
- Ein genaues Datum für neue First-Party-Blockbuster nannte sie nicht, doch das Interview macht klar: Effizienz wird Trumpf.
Die Studios hinter den Flops
Redfall stammt von Arkane Austin, das zuvor mit Dishonored und Prey Kult-Status erreichte, aber nie große Verkaufszahlen. Microsoft übernahm Bethesda 2021 für 7,5 Milliarden Dollar. Arkane lieferte Redfall als technisch desaströsen Open-World-Shooter ab, der nur 62 Punkte auf Metacritic erzielte. Starfield von Bethesda Game Studios (Skyrim, Fallout) verkaufte sich als Day-1-Game-Pass-Titel schwach physisch; rund 10 Millionen Spieler nutzen das Abo, aber die Konvertierung zu dauerhaften Abonnenten blieb aus. Beide Titel kosteten über 200 Millionen Dollar Entwicklung, eine Summe, die sich bei schwankenden Abozahlen kaum amortisiert.
Reset-Plan: Was kommen könnte
Asha Sharma skizziert einen Drehplan für die nächsten Monate. Der Fokus liegt auf Anpassungen, nicht auf neuen Ankündigungen.
- Kosteneffizienz statt Prestige-Projekte
- Mehr Plattform-Offenheit (Cloud, PC, Abo) als reine Konsolen-Titel
- Stärkere Einbindung von Game Pass als Ertragsbringer
Ob das reicht, um die verlorene Marktdominanz zurückzuholen? Das Zögern der Führung ist hörbar.
Historische Parallelen und Branchentrends
Die letzte große Xbox-Krise gab es 2013 mit der Xbox One, eine Always-On-DRM-Debakel, das Microsoft 24 Milliarden Dollar Rückschlag kostete. Die damalige Antwort: Phil Spencer baute das Geschäft auf Abos und Cloud um. Heute steht ein ähnlicher Kurswechsel an, aber die Konkurrenz hat aufgeholt. Sony verkauft PS5-Pro zu 700 Dollar und hält Exklusivtitel wie God of War Ragnarök oder Final Fantasy XVI exklusiv. Nintendo dominiert mit der Switch (über 140 Millionen verkauft) das Hybridsegment. Microsofts Strategie, Spiele auf allen Plattformen anzubieten, schwächt die eigene Hardware: PC- und Cloud-Nutzer brauchen keine Xbox mehr.
Ein Weckruf für die gesamte Branche
Die Aussagen von Sharma sind mehr als interne Krisenkommunikation. Sie zeigen, wie tief die Probleme bei Microsofts Konsolengeschäft sitzen. Exklusivtitel allein ziehen nicht mehr, die Zeiten von Halo und Gears of War als Konsolen-Verkäufer sind vorbei.
Was bleibt, ist ein ehrlicher Blick auf die Realität. Die nächsten 100 Tage werden zeigen, ob Xbox den Turnaround schafft oder weiter ins Hintertreffen gerät.
Was die Konkurrenz macht
Sony investiert jährlich über 2 Milliarden Dollar in First-Party-Studios und hält an physischen Verkäufen und High-End-Hardware fest. Nintendos Switch 2 soll 2025 erscheinen und setzt auf eigene Hardware-Exklusivität. Microsoft hingegen schließt Studios: Arkane Austin, Tango Gameworks und Alpha Dog wurden 2024 dicht gemacht, 1.900 Stellen gestrichen. Der Game Pass wächst netto kaum noch, während Ubisoft+ und EA Play eigene Abos populär machen. Die Branche beobachtet, ob Microsofts Mix aus Cloud, PC und wenigen Konsolen als dritte Kraft ausreicht oder ob Xbox als Marke auf Dauer geschwächt bleibt.