Ein Flickenteppich ohne Muster
Microsofts Umgang mit Exklusivspielen gleicht einem Rätsel. Während manche First-Party-Titel nie den Weg auf die PS5 finden, erscheinen viele andere plötzlich doch.
Die Nachricht stammt von Kotaku und fasst die aktuelle Lage treffend zusammen: „Some first-party games will never come to PlayStation 5 but lots of others will.“ Einheitliche Linie? Fehlanzeige.
Hinter dem Artikel steht der Redakteur Ethan Gach, der sich seit Jahren mit Microsofts Plattformpolitik beschäftigt. Er verweist auf interne Quellen, die selbst bei Führungskräften in Redmond keine klare Definition fanden, welche Marken dauerhaft exklusiv bleiben sollen.
Was bleibt auf der Xbox?
- Halo Infinite, Forza Motorsport und Gears of War sind seit jeher das Fundament der Marke.
- Auch Starfield und Redfall, beides Bethesda-Titel, sind bis heute nicht auf Sony-Konsolen aufgetaucht.
Diese Spiele gelten als strategische Anker. Sie sollen die Existenzberechtigung der Xbox-Konsole untermauern. Ein Port wäre ein Signal gegen die eigene Plattform.
Die Studios hinter diesen Ankern haben unterschiedliche Geschichten. Halo wurde ursprünglich von Bungie entwickelt, bevor 343 Industries (2023 umbenannt in Halo Studios) die Serie übernahm. Forza wird von Turn 10 Studios entwickelt, einem hausinternen Team, das seit 2005 ausschließlich an der Rennsimulation arbeitet. Gears of War begann bei Epic Games, wurde dann an The Coalition (Vancouver) übergeben. Starfield und Redfall stammen von Bethesda Game Studios beziehungsweise Arkane Austin, letzteres wurde im Mai 2024 geschlossen, Redfall erhielt nie die versprochenen Updates.
Microsoft zahlte 2021 rund 7,5 Milliarden US-Dollar für die Übernahme von ZeniMax Media, der Muttergesellschaft von Bethesda. Ein Port von Starfield auf PlayStation würde diese Investition strategisch infrage stellen, zumindest kurz nach Release.
Was dennoch den Weg findet
- Hi-Fi Rush landete 2024 auf der PS5, ein rasanter Rhythmus-Actiontitel, der überraschte.
- Pentiment, das historische Mystery-Adventure, folgte kurz darauf.
- Grounded und Sea of Thieves sind ebenfalls auf PlayStation erhältlich.
Die Liste der Ports wächst stetig. Microsoft scheint bei älteren oder kleineren Titeln bereit, die Plattformgrenzen zu öffnen.
Hi-Fi Rush wurde von Tango Gameworks entwickelt, einem japanischen Studio unter Leitung von Shinji Mikami (Resident Evil, The Evil Within). Das Spiel erschien im Januar 2023 auf Xbox und PC, erhielt durchgehend positive Kritiken (Metacritic 89) und verkaufte sich laut Microsoft über 3 Millionen Exemplare. Dennoch schloss Microsoft Tango Gameworks im Mai 2024, aus Kostengründen. Der PS5-Port war schon vor der Schließung beschlossen.
Pentiment stammt von Obsidian Entertainment, bekannt für Fallout: New Vegas und Pillars of Eternity. Das Studio wurde 2018 von Microsoft übernommen. Pentiment ist ein erzählerisches Adventure mit handgemalter Optik, ein Nischenspiel, das auf PlayStation ein neues Publikum finden sollte.
Grounded und Sea of Thieves sind Service-Titel mit langem Lebenszyklus. Grounded entwickelte Obsidian, Sea of Thieves stammt von Rare (ehemals Nintendo-Partner, bekannt für Banjo-Kazooie). Beide Spiele haben auf Xbox bereits ihre Hauptverkäufe erzielt; Ports generieren Zusatzeinnahmen ohne nennenswerte Entwicklungskosten.
Eine Frage des Timings
Der Schlüssel liegt scheinbar im Alter eines Spiels und seiner strategischen Bedeutung. Neue Blockbuster wie ein kommendes Fable (noch nicht erschienen) bleiben exklusiv, während bereits veröffentlichte Indies oder Service-Titel den Weg in den Sony-Store finden.
Doch wo genau die Grenze verläuft, bleibt unklar. Spieler müssen weiterhin raten, ob ihr Lieblingsspiel irgendwann auch auf der anderen Konsole auftaucht, oder nicht.
Ein Blick auf die Zeitabstände zeigt Muster: Hi-Fi Rush erschien 14 Monate nach Xbox-Start auf der PS5 (Januar 2023 vs. März 2024), Pentiment nach 15 Monaten (November 2022 vs. Februar 2024). Grounded kam sogar erst 20 Monate später (September 2022 vs. April 2024). Sony verfolgt eine andere Taktik: Erste-Party-Titel wie God of War (2018) erschienen 2022 auf dem PC, also nach vier Jahren. Microsofts Fenster ist deutlich kürzer, aber variabel.
Wirtschaftliche Kalkulation
Microsofts Gaming-Sparte erzielte im Geschäftsjahr 2023 einen Umsatz von 18,2 Milliarden US-Dollar. Davon entfielen rund 60 Prozent auf Software und Services, der Rest auf Hardware. Der Xbox-Konsolenverkauf ist rückläufig, im letzten Quartal 2024 fiel der Hardware-Umsatz um 31 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ports auf PlayStation kompensieren diesen Rückgang.
Phil Spencer, Chef von Microsoft Gaming, sagte im Juni 2024 im Interview mit IGN: „Es gibt keine roten Linien mehr. Wir bewerten jeden Titel individuell.“ Das schließt auch größere Marken nicht aus. Ein Port von Starfield oder Forza in einigen Jahren gilt nicht als ausgeschlossen, die Vergangenheit lehrt: Was heute exklusiv ist, kann morgen portiert werden.
Die Verwirrung bleibt bestehen.