Microsofts Rotstift: Auch Obsidian bleibt nicht verschont
Die Welle der Stellenstreichungen bei Xbox hat ein Studio getroffen, das unter Microsofts Dach eigentlich expandieren sollte: Obsidian Entertainment. Trotz des kürzlich veröffentlichten Avowed und des Kritikererfolgs Pentiment mussten Mitarbeiter gehen. Laut PCGamer verlor das Studio einen 21-jährigen Veteran-Künstler und einen Ingenieur, der erst zwei Monate angestellt war.
Obsidians Geschichte: 20 Jahre zwischen Triumph und Übernahme
Obsidian entstand 2003 aus der Asche von Black Isle Studios, dem legendären Entwickler von Fallout 2 und Planescape: Torment. Gründer Feargus Urquhart und andere Black-Isle-Veteranen wollten Rollenspiele im alten Stil fortführen. Ihr erster Titel Star Wars: Knights of the Old Republic II (2004) wurde trotz technischer Probleme ein Klassiker. Es folgten Neverwinter Nights 2 (2006) und der Höhepunkt: Fallout: New Vegas (2010), bis heute eines der meistgelobten Fallout-Spiele, entwickelt in nur 18 Monaten.
Nach Jahren als unabhängiges Studio mit schmalen Budgets und gelegentlichen Finanzkrisen (2012 kurz vor der Pleite gerettet durch South Park: Der Stab der Wahrheit) kam 2018 die Übernahme durch Microsoft. Seitdem gehört Obsidian zu Xbox Game Studios. Unter Microsoft erschienen The Outer Worlds (2019), Grounded (2022), das Überraschungsspiel Pentiment (2022) und nun Avowed (Februar 2025). Ein weiteres RPG, The Outer Worlds 2, ist angekündigt.
Zwei Extreme, ein Schicksal
- Der Veteran: Über 21 Jahre prägte der Künstler die Optik von Obsidians Markenkern, von Knights of the Old Republic II über Fallout: New Vegas, Pillars of Eternity bis zu The Outer Worlds. Sein Wissen über die künstlerische DNA des Studios ist schwer ersetzbar.
- Der Neuling: Der Ingenieur war gerade zwei Monate im Unternehmen, mitten in der Einarbeitungsphase. Die Kürzung zeigt: Seniorität oder aktuelle Leistung spielen keine Rolle. Jeder auf der Streichliste kann gehen.
Beide Fälle belegen, dass Microsofts Sparkurs nicht zwischen Legende und Berufsanfänger unterscheidet. Obsidian verliert nicht nur Arbeitskraft, sondern auch jahrzehntelanges Erfahrungswissen.
Avowed: Ein Launch unter Druck
Avowed, das am 18. Februar 2025 für PC und Xbox Series X/S erschien, erhielt Metacritic-Wertungen um 82 (PC) und 80 (Xbox). Die Verkaufszahlen sind nicht offiziell bekannt, aber der Titel startete direkt in den Game Pass, Microsofts Abomodell, das Einzelverkäufe oft kannibalisiert. Der interne Erfolgsdruck auf Obsidian ist trotzdem hoch: Das Studio muss nachweisen, dass es unter Microsofts milliardenschwerer Führung kommerziell liefern kann.
Die Entwicklung von Avowed dauerte rund fünf Jahre, verlief mit mehreren Neustarts und war technisch anspruchsvoll. Schon im Vorfeld gab es Gerüchte über Überstunden und Richtungswechsel. Die Entlassungen jetzt, wenige Wochen nach Release, deuten auf eine generelle Kostenkontrolle hin, unabhängig vom konkreten Spieleerfolg.
Branchenkontext: Microsofts radikaler Sparkurs
Obsidian ist nicht der erste Fall. Seit Januar 2024 hat Microsoft in seiner Gaming-Sparte über 2.500 Stellen gestrichen. Im Januar 2024 begann es mit 1.900 Entlassungen bei Activision Blizzard und Xbox. Im Mai 2024 folgte die Schließung gleich vierer Studios: Tango Gameworks (Hi-Fi Rush), Arkane Austin (Redfall), Alpha Dog Games und Roundhouse Studios. Weitere Kürzungen trafen 343 Industries (Halo) und Bethesda Game Studios.
Der Hintergrund: Microsofts Spieleumsätze wachsen zwar durch den Game Pass, aber die Profitabilität bleibt hinter den Erwartungen zurück. Analysten schätzen, dass der Game Pass im Geschäftsjahr 2024 rund 4 Milliarden Dollar Umsatz generierte, bei Kosten von geschätzt 6 Milliarden für Inhalte und Betrieb. Das Unternehmen reagiert mit Personalabbau, um die Bilanzen zu glätten.
Für ein Studio wie Obsidian, das traditionell auf erfahrene Spezialisten angewiesen ist, sind solche Einschnitte besonders schmerzhaft. Der Verlust eines 21-jährigen Künstlers bedeutet den Abgang von Wissen, das in keinem Handbuch steht.
Was bleibt von Obsidians Zukunft?
Das Studio arbeitet offiziell weiter an The Outer Worlds 2 und einem unangekündigten RPG. Doch die personellen Einschnitte gefährden die Kontinuität. Ein Team, das über Jahrzehnte denselben visuellen Stil und dieselbe Erzählkultur aufgebaut hat, braucht diese Leute, um ihre Handschrift zu bewahren. Der Neuling nach zwei Monaten, ein Signal, dass selbst kurzfristige Einstellungen nicht vor dem Rotstift schützen. Die Betroffenen suchen nun Jobs in einer Branche, die parallel selbst Stellen abbaut. Für den einen endet die Obsidian-Ära nach 21 Jahren, für den anderen nach acht Wochen.