4800 Stellen weg, der Schock sitzt tief
Microsoft hat einen massiven Stellenabbau angekündigt: 4800 Mitarbeiter müssen gehen, davon 3200 direkt bei Xbox. Das sind nicht nur Kündigungen, das Unternehmen trennt sich auch von fünf Entwicklerstudios.
Double Fine und Compulsion Games werden wieder unabhängig. Ninja Theory und Undead Labs werden verkauft. Für Arkane Lyon und das Spiel Marvel's Blade läuft ein „Consultation“-Prozess, was das genau bedeutet, ist noch offen.
Die Geschichte der getroffenen Studios
Jedes dieser Studios hat eine eigene Handschrift. Double Fine wurde 2000 von Tim Schafer gegründet, dem Schöpfer von Grim Fandango und Psychonauts. Der letzte Titel, Psychonauts 2 (2021), erhielt Metacritic-Werte von 87–89 und verkaufte sich über eine Million Mal. Das Studio war 2019 von Microsoft übernommen worden, nun kehrt es in die Unabhängigkeit zurück.
Compulsion Games aus Montreal brachte 2018 We Happy Few heraus, ein Survival-Spiel mit dystopischer 60er-Jahre-Ästhetik. Der Titel erhielt gemischte Kritiken (Metacritic 65) und verkaufte rund drei Millionen Einheiten. Das Team arbeitete zuletzt an einem unangekündigten Third-Person-Actionspiel.
Ninja Theory aus Cambridge wurde 2018 von Microsoft gekauft, nachdem Hellblade: Senua's Sacrifice (2017) weltweit Beachtung fand. Der Titel kostete unter 10 Millionen Dollar und spielte über 13 Millionen ein, gewann mehrere BAFTA-Awards. 2024 erschien Senua's Saga: Hellblade II mit einem Budget von rund 50 Millionen, die Verkaufszahlen blieben unter den Erwartungen.
Undead Labs aus Seattle ist bekannt für die State of Decay-Reihe. State of Decay 2 (2018) erreichte über 15 Millionen Spieler, State of Decay 3 war in Entwicklung. Das Team gehörte seit 2018 zu Microsoft.
Arkane Lyon (ehemals Arkane Studios) entwickelte Dishonored 2 (2016) und Deathloop (2021), das einen Metacritic-Score von 88 erreichte. Das angekündigte Marvel's Blade ist ein Single-Player-Actionspiel um den Vampirjäger. Der Status des Projekts ist ungewiss.
Ein Experte rechnet ab
Ed Zitron, CEO von EZ Primary Research und scharfer AI-Kritiker, bezieht klare Position. Er spricht von einem „katastrophalen Missmanagement“ durch CEO Satya Nadella, den er einen „sub-McKinseanschen Schwachkopf“ nennt.
- Zitron: „Microsoft ist eine Schande für die Softwareindustrie.“
- Er wirft Nadella vor, nur „Geld umherzuschieben, um zu verbergen, wie schlecht seine AI-Pläne sind.“
- Sein Vorwurf: Die AI-Investitionen seien nichts als eine Blase.
Branchenkontext: Eine Welle der Entlassungen
Der Schritt ist kein Einzelfall. Seit 2023 haben fast alle großen Publisher Personal abgebaut: Sony strich 900 Stellen bei PlayStation, Electronic Arts 670, Riot Games 530, Unity 1800. Microsoft selbst hatte bereits im Januar 2024 1900 Mitarbeiter bei Activision Blizzard entlassen, nach der 69-Milliarden-Übernahme.
Der Unterschied: Diesmal trifft es auch Studios, die gerade erst Titel veröffentlicht haben. Hellblade II erschien im Mai 2024, der Verkauf des Studios erfolgt nur ein Jahr später. Analysten schätzen, dass Microsoft mit diesen Maßnahmen jährlich 1,5 bis 2 Milliarden Dollar einsparen will. Der Aktienkurs fiel dennoch.
Der AI-Bluff
Zitron hat sich kürzlich bei CNBC gegen generative AI ausgesprochen. Seine These: Die großen Tech-Konzerne wachsen nicht wegen AI, sondern trotz AI.
- „Microsoft, Google, Amazon und Meta nutzen das Wachstum ihrer anderen Geschäftsbereiche, um die mageren AI-Erträge zu verstecken.“
- Die Milliardenausgaben für AI („trillion+ in capex“) seien eine riesige Verschwendung.
Microsoft selbst widerspricht: Man entlasse nicht, um Stellen durch AI zu ersetzen, räumt aber ein, dass „AI die Arbeitsweise verändert“.
Microsofts Milliardenwette auf OpenAI
Konkrete Zahlen: Microsoft investierte 13 Milliarden Dollar in OpenAI, davon 10 Milliarden im Jahr 2023. Für das Fiskaljahr 2025 sind 80 Milliarden Dollar für Rechenzentren und AI-Infrastruktur geplant. Der Umsatz durch AI-Dienste (Azure AI, Copilot) wird auf rund 20 Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt, das sind etwa 6 Prozent des Gesamtumsatzes von 330 Milliarden.
Die Rendite bleibt unklar. OpenAI selbst machte 2024 einen Verlust von rund 5 Milliarden Dollar bei 3,7 Milliarden Umsatz. Microsofts AI-Sparte ist profitabel, aber das Wachstum verlangsamt sich. Zitrons These: Die Entlassungen bei Xbox verschleiern, dass die AI-Investitionen nicht die erhoffte Wirkung zeigen.
Börse reagiert negativ
Normalerweise belohnen Anleger Kostensenkungen. Diesmal nicht: Microsofts Aktie fällt am Tag der Ankündigung. Der Kurs ist seit Jahresbeginn um 18 Prozent und im letzten Jahr um 22 Prozent gefallen.
Die Frage bleibt: Retten die Milliarden für AI das Unternehmen, oder ruinieren sie es? Zitrons Antwort ist eindeutig. Derweil müssen tausende Entwickler gehen, und Studios wie Ninja Theory („Hellblade“) warten auf ihre neue Heimat.